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NATURZYT-Ausgabe Juni 2022

Naturgarten – ein natürlicher Lebensraum für die Artenvielfalt

Nadelholzspanner

Nadelgehölze im naturnahen Garten

Sind Tanne, Eibe, Fichte, Lärche und Kiefer aus ökologischer Sicht wirklich so unnütz? Sie sind in der Tat nicht aus Plastik!

In den letzten Jahren fand im Naturgarten eine regelrechte Verteufelung von Koniferen (Nadelgehölzen) statt. Fichtenmonokulturen, die Tatsache, dass diese Gehölzgruppe nicht auf die Bestäubung von Insekten angewiesen ist und ihr Holz sich nicht für künstliche Nisthilfen eignet, sowie die selbst - dar stellende Verwendung von teuren kleinwüchsigen Ziersorten und aufwändig gepflegten Heckenelementen in sterilen Hausgärten haben sich bei der naturbewussten Gärtnerschaft negativ eingeprägt. Somit entstand eine pauschale Antihaltung gegenüber Nadelgehölzen.

GESPINSTBLATTWESPEN, HARZBIENEN UND TANNENPFEIL LIEBEN NADELGEHÖLZE

Gespinstblattwespe (Acantholyda hieroglyphica)
Alljährlich beobachte ich die leuchtend rotgelbe Kiefernkultur-Gespinstblattwespe (Acantholyda hieroglyphica) bei ihrem hektischen Treiben auf der kleinen Berg-Kiefer (Pinus mugo).

Kurz nachdem das Weibchen ihre Eier an den Jungtrieben abgelegt hat, schlüpfen die gefrässigen Larven und machen sich über die frischen Nadeln her. Dieses rege Geschehen lockt hungrige Meisen und Spatzen, die sich über die proteinreichen Happen freuen. In der Forstwirtschaft gilt die Art als Schädling, aber ich selbst sehe sie als eine ganzheitliche Bereicherung im naturnahen Garten. Des Weiteren ist die Kiefernkultur- Gespinstblattwespe auch aus gärtnerischer Sicht eine Unterstützung. So verjüngt sie die Berg-Kiefer durch den Frass und sorgt für einen kompakteren Wuchs.

Gespinstblattwespe (Acantholyda hieroglyphica) auf der kleinen Berg-Kiefer.

Kleine Harzbiene (Anthidiellum strigatum)
Die Kleine Harzbiene (Anthidiellum strigatum) profitiert ebenfalls von den Koniferen. Das Baumharz von Kiefern und Fichten wird von den Weibchen zum Bau der Zellen und Verschluss der Nester verwendet. Die sogenannten Freinester werden gut getarnt an Felsen, Baumstämmen, Zweigen und Stängel geklebt. Bei der Pollenwahl bevorzugt die Art Schmetterlingsblütler (Fabaceae), besonders Gewöhnlichen Hornklee (Lotus corniculatus), ist jedoch unspezialisiert (polylektisch).

Weibchen verschliesst Harzzelle an junger Kiefer. (Foto: Entomologie/Botanik, ETH Zürich; Fotograf: Albert Krebs)
Männchen der Kleinen Harzbiene (Anthidiellum strigatum) auf einer Saat-Esparsette ( Onobrychis viciifolia); hier stehen die Chancen gut, auf Weibchen zu treffen, welche bevorzugt Pollen von Schmetterlingsblütlern (Fabaceae) sammeln. Seid geduldig beim Beobachten! (Foto: André Rey)

Tannenpfeil oder Kiefernschwärmer (Sphinx pinastri)
Der Tannenpfeil, auch Kiefernschwärmer (Sphinx pinastri) genannt, kann im adulten Stadium eine Flügelspannweite zwischen 7 und 9 Zentimetern erreichen und ist daher eine stattliche Erscheinung. Die Raupe dieser nachtaktiven Schmetterlingsart ernährt sich von verschiedensten Nadelgehölzen. Insbesondere werden (wie der Name schon sagt)Kiefern (Pinus) ihres frischen Nadelkleids beraubt. Darüber hinaus werden jedoch auch die Gewöhnliche Fichte (Picea abies), Zedern (Cedrus) und Lärchen (Larix) als Säuglingsbuffet genutzt. Hierbei beschränkt sich die Art keinesfalls auf heimische Nadelbäume. Wenn dann in der Nähe eines Nadelgehölzes noch nachtblühende und duftende Gewächse wie Echtes Seifenkraut (Saponaria officinalis), Nachtkerzen (Oenothera) und die Acker-Lichtnelke (Silene noctiflora) gedeihen, freuen sich auch die nektarsuchenden adulten Tiere.

Raupe des Kiefernschwärmers. (Foto: Pixabay)
Die Tannenmeise (Periparus ater). (Foto: Pixabay)

Kreuzschnäbel (Loxia) und Tannenmeise (Periparus ater)
Durch ihre Akustik machen sich diverse Vogelarten aufgrund der Präsenz von Nadelgehölzen im Garten bemerkbar. Denn für die Kreuzschnäbel (Loxia) und die Tannenmeise (Periparus ater) gehören die Samen diverser Nadelbäume zur bevorzugten Futterquelle und deren schutzbringendes Nadelkleid wird von Kreuzschnäbeln als Kinderstube genutzt. Eine solche Brutstätte wird des Öfteren zweimal in einem Jahr hoch oben in Fichten (Picea) errichtet, und man sollte sich wirklich überlegen, wie sinnvoll es ist, zur Motorsäge zu greifen und einen solchen Lebensraum in einen Magerstandort zu verwandeln.

 

SÄURELIEBENDE STAUDEN WACHSEN HERVORRAGEND UNTER NADELGEHÖLZEN

Ich bin der Meinung, dass Nadelbäume sehr wohl einen Platz im naturnahen Garten verdienen und ihn optisch und zugleich ökologisch bereichern. Eine ältere Wald-Kiefer (Pinus sylvestris) schafft durch ihre locker aufgebauten Aststockwerke einzigartige Lichtverhältnisse für Stauden und Sträucher, welche am Fuss des Baumes gedeihen können. Obendrein wird der pH-Wert des Bodens durch die natürliche und kontinuierliche Zufuhr von Nadelstreu für säureliebende Pflanzenarten geregelt. Diesen Lebens bereich kann man ohne grossen Aufwand mit prädestinierten Gewächsen bestücken und somit aufwerten.

Pfingstrosen (Paeonia) strahlen in einem Lärchen-(Märchen-)Wald in der Mongolei. (Foto: Pixabay)

Die Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus), das Leberblümchen (Hepatica nobilis), Edel-Gamander (Teucrium chamaedrys), Schopfi ger Hufeisenklee (Hippocrepis comosa), Maiglöckchen (Convallaria majalis), Berg-Aster (Aster amellus), Pfi ngstrosen (Paeonia) und Alpenveilchen-Arten (Cyclamen) fühlen sich als krautige Pf anzen pudelwohl unter Föhren und ähnlichen Nadel bäumen. Zu den Gehölzen gehören auch diverse Heidekrautgewächse (Ericaceae), wie beispielsweise Besenheide (Calluna vulgaris), Schneeheide (Erica carnea), Heidelbeeren (Vaccinium), aber auch echte Hingucker wie Rhododendron (Wild- und Kulturformen) und Prachtglocken (Enkianthus). Zudem wachsen Ginster-Arten (Cytisus und Genista) gerne unter diesen Bedingungen.
Wenn also im Hausgarten die Platzverhältnisse für ein «Moorbeet» oder einen Heidegarten fehlen, jedoch Kiefern und z.B. Lärchen wachsen, kann man diese Gegebenheiten optimal nutzen.

Der Hohle Lerchensporn (Corydalis cava) schön rosa blühend.

LAUSCHIGE MINIATUR-WALDGESELLSCHAFTEN IN DEN GARTEN HOLEN

Bei der Pflanzenwahl von Standorten in unmittelbarer Nähe und unterhalb von Fichten (Picea) und Tannen (Abies), welche oft feuchter und schattiger sind als bei den Kiefern, empfiehlt sich ein genauer Blick in unsere mittelländischen Forstgebiete und alpinenWaldgesellschaft en. Nachhaltig bewirtschaft ete Tannen-Fichten- (Abieti- Piceion) oder Tannen-Buchen-Wälder(Abieti-Fagenion) sind zwar artenärmer als einige andere Waldgesellschaft en, jedoch finden sich gerade hier geeignete krautige Gewächse für den entsprechendenStandort im Garten.Als pflegeleichte und robuste Wesen bewähren sich diesbezüglich Taubnesseln (Lamium galeobdolon und maculatum)Kriechender Günsel (Ajuga reptans), Ehrenpreise wie der Echte Ehrenpreis (Veronica officinalis) und der NesselblättrigeEhrenpreis (Veronica urticifolia),das Quirlblättrige Salomons siege(Polygonatum verticil latum), die Rote Lichtnelke (Silene dioica), die Nesselblättrige Glockenblume (Campanula trachelium), der Wald- Geissbart (Aruncus dioicus), der Hohle Lerchensporn (Corydalis cava), der Wald- Storchschnabel (Geranium sylvaticum), der Echte Wurmfarn (Dryop teris filix-mas), die Weisse Pestwurz (Petasites albus), der Wald-Ziest (Stachys sylvatica) und die Gewöhnliche Goldrute (Solidago virgaurea).

Die Gelenkblume (Physostegia virginiana) (Foto: Sebastian Wagener)

Ergänzend zu den heimischen Wildpflanzen schmücken Kaukasus- Beinwell (Symphytum grandifl orum), Rauling (Trachystemon orientalis), Gelenkblume (Physostegia virginiana), Tränendes Herz (Lamprocapnos spectabilis), Japanische Taubnessel (Meehania urticifolia), Rote Kerzenspiere (Astilbe chinensis var. taquetii), Kaukasus-Vergissmeinnicht (Brunnera macrophylla) und die Oktober-Silberkerze (Cimicifuga simplex «Atro purpurea») einen solchen Standort.

Es ist also möglich, aufgrund gewisser Gegebenheiten lauschige Miniatur-Waldgesellschaft en in unsere Gärten zu holen. Mit der Fantasie und der Bewunderung eines Kindes, eingetaucht in unscheinbare Welten, vermag man im Kleinen Grosses zu bewirken.

Der Kaukasus-Beinwell (Symphytum grandifl orum) (Foto: Sebastian Wagener)
Kriechende Günsel, (Ajuga reptans) robust und pfl egeleicht. (Foto: Sebastian Wagener)


Fotos André Rey, Silvio Meyer, Sebastian Wagener, Entomologie/Botanik, ETH Zürich Fotos Albert Krebs, André Rey, Pixabay, Sebastian Wagener, Silvio Meyer, Wikipedia

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