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NATURZYT-Ausgabe Juni 2021

Gespräche mit Tieren, was hätten unsere Wildtiere uns zu sagen?

Eidechse

Tierisch gutes Gespräch mit Lizzie Lizzard

Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch wir sehen die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken, und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?

Eine spannende Idee – sähen wir das Ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. Naturzyt hat sich deshalb entschlossen, neue Wege auszuprobieren und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.

Sie lieben es, sich auf heissen Steinen zu sonnen, und verschwinden wieselflink, wenn man ihnen zu nahe kommt. Ihre gespaltene Zunge erinnert an Schlangen, doch mit ihren krallenbewehrten Füssen, dem langen Schwanz und der schuppigen Haut sehen sie eher wie Miniaturdrachen aus – unsere Eidechsen.

Ich gehe öfter, bewaffnet mit Notizbuch, Papier und Malfarben in der Tasche, hinaus in die Natur. Wenn es mir dann irgendwo gefällt, lasse ich mich nieder und zeichne oder notiere mir, was mir gerade so in den Sinn kommt. So auch eines Sonntag-Nachmittages. Ich fand eine Stelle in der Nähe eines Bahngeleises, welche mich mit einer steinernen Senke, lichtem Gestrüpp und Wegsicherungen aus runden Baumstämmen wie magisch anzog. Da wollte ich mich niederlassen und etwas ausruhen. Dort angekommen bemerkte ich plötzlich eine schemenhafte Bewegung aus dem Augenwinkel. Nanu, was war das denn. Ich blieb ruhig sitzen und sah mich um, und plötzlich kam der Schemen wieder zum Vorschein. Ich traute meinen Augen kaum, es war eine kleine Waldeidechse, welche mich neugierig vom Baumstamm herunter anlinste. Sofort begann ich sie zu zeichnen und entschloss mich spontan zu einem kleinen Interview.

HALLO, KLEINE EIDECHSE, SCHÖN DICH ZU SEHEN. DU HAST VOR MIR NICHTS ZU BEFÜRCHTEN. HÄTTEST DU LUST, MIT MIR EIN KLEINES INTERVIEW ZU MACHEN UND MIR EIN PAAR FRAGEN ZU BEANTWORTEN?
Hab schon gespürt, dasss du keine Gefahr bist, sonst wäre ich ganz schnell abgehauen. Was willssst du denn vom mir wisssen?

ICH WÜRDE GERNE MEHR ÜBER EUCH EIDECHSEN ERFAHREN UND EURE ART AUCH UNSEREN LESERN VORSTELLEN.
Du hast Leser? Aber auf dir steht doch gar nix drauf.

ICH NICHT, ABER ICH SCHREIBE ARTIKEL FÜR DAS NATURZYT-MAGAZIN UND DAS HAT LESER.
Ach ssso. Und du meinst, die interesssieren sich für mich?

GANZ BESTIMMT. UND, WÜRDEST DU UNS ETWAS ÜBER DICH UND EURE ART ERZÄHLEN?
Okidoki, mach ich gerne. Alssso ich bin Lizzzie Lizzzard und ich bin eine Eidechse. Genauer gesagt, eine Waldeidechssse.

GIBT ES DENN UNTERSCHIEDE ZWISCHEN EUCH AUSSER DER BEZEICHNUNG?
Ohh ja, wir haben sssehr viele Unterschiede.

ACH JA, NA DANN ERZÄHL MAL, DAS KLINGT SEHR INTERESSANT.
Wir Waldeidechsen mögen esss gerne etwas feuchter als unsere übrigen Artverwandten. Ssso findet man uns dann auch in Mooren, und bei Gefahr fliehen wir auch ins Wassser und durchschwimmen dieses.Klar sssonnen wir uns auch sehr gerne, aber wir brauchen es nicht so heisss. Das ist ein Vorteil, denn dessshalb findet man uns bis ins Bergland hinein. Dort issst es uns möglich, unser Überleben zu sichern, weil wir keine Eier legen wie unsere Verwandten, sssondern lebendgebärend sind.

WIESO HÄTTEN DANN DORT EIERLEGENDE EIDECHSEN KEINE ÜBERLEBENSCHANCEN?
Na, das issst doch glasklar. Eierlegende Eidechsssen lassen ihre Eier von der Sssonne ausbrüten und können deshalb in keine kälteren Gegenden vordringen. Wir jedoch können ssständig den Standort wechseln und uns die Sssonnenplätze aussuchen.

WIEVIEL NACHWUCHS BEKOMMT IHR DENN?
Alssso wir werden erst mit 2 Jahren geschlechtsssreif und paaren unsss dann jeweilsss mit mehreren Männchen während unserer Paarungssszeit. Ich hab schon 3 Paarungssszeiten gehabt und dann nach 2 Monaten Tragezeit beim ersssten Mal 8 Junge, beim zweiten Mal 12 und beim dritten Mal 9 Junge geboren.

WOW, DAS SIND ABER VIELE. KANNST DU DENN SO VIELE KLEINE EIDECHSEN AUF EINMAL SÄUGEN?
Oh nein, wir sssäugen unsere Jungen nicht. Wir gebären sssie in einer weichen Eihaut, welche sie erssst noch durchstossen müssen. Das kann ein paar Minuten bisss ein paar Stunden dauern. Danach sssind sie auf sich alleine gestellt.


Im Gespräch mit NATURZYT
Lizzie Lizzard, fl inke Waldeidechsendame, liebt Sonnenbäder auf dem warmen Baumstamm, mag am liebsten Hundertfüsser und war bereits mehrfach Mama von 8–12 kleinen Eidechsen.

IST DAS NICHT ETWAS HART? WOHER SOLLEN DIE KLEINEN DENN WISSEN, WAS GUT FÜR SIE IST UND WIE SIE JAGEN SOLLEN? UND SIND DADURCH DIE ÜBERLEBENSCHANCEN NICHT GERINGER?
Vielleicht, aber dasss Leben issst hart. Sssie müssen durch Probieren lernen, wasss für sie geniessbar ist und wasss nicht. Sssie werden aber bald heraus finden, dasss Spinnen, Hundertfüssser, Heuschrecken, Ameisen, Fliegen, Pfl anzenläuse und Zikaden sssehr lecker schmecken. Ich mussste das auch lernen. Mir ssschmecken Hundertfüssser am besten. Sie kitzeln so im Mund. Das jagen issst einfach. Es liegt unsss im Blut. Erssst hörst du die Beute, dann sssiehst du sie und dann packssst du sie schnell mit deinen Kiefern und verschluckst sie. Ich habe gehört, dasss es auch einige Eidechsenarten gibt, welche Früchte und Sssämereien mögen, buäh, dasss wäre gar nicht mein Gessschmack.

AHA. DANN VERSCHLINGT IHR ALSO EURE BEUTE SOZUSAGEN WIE EINE SCHLANGE?
Kleinere ja, aber grösssere wie Zikaden zum Beissspiel zerkauen wir und spucken danach den Chitinpanzer wieder aus. Und Ssschlangen mag ich gar nicht.

WESHALB DENN NICHT? VIELLEICHT WEIL SIE ZU GROSS FÜR EUCH ALS BEUTETIERE SIND? ODER WEIL SIE EUCH DAS FUTTER STREITIG MACHEN?
Weder noch, sssondern weil wir ihr Futter sind. Ssschlangen gehören nämlich zu unssseren Feinden. Vor allem Kreuzottern und Ssschlingnattern haben unsss zum Fressen gerne. Dasss sind neben Greifvögeln, Mardern, Wildssschweinen und Laufk äfern die Schlimmsssten.

WILDSCHWEINE UND LAUFKÄFER? WIESO GEHÖREN DIE DENN DAZU?
Die dummen Wildssschweine wühlen unsss aus unseren Winterquartieren, was unsss in unserer Winterstarre gar nicht gut bekommt. Und für Laufkäfer issssst vorallem unssser Eidechsen nachwuchs oft malsss Beute. Der issst schliesslich nur gerade mal 3–4 Zentimeter grosss nach dem Schlüpfen.

DAS IST ABER WIRKLICH WINZIG, ABER IHR SEID JA AUCH NICHT GERADE GROSS.
Grosss issst immer im Auge desss Betrachters. Wir werden schliessslich bisss zu 18 Zentimeter lang. Davon sssind 6–7 Zentimeter Körper und der Ressst Schwanz.

ENTSCHULDIGE BITTE, DAS SOLLTE KEINESFALLS EINE BELEIDIGUNG SEIN. DEN SCHWANZ KÖNNT IHR JA ABER BEI GEFAHR ABWERFEN ODER?
Ja, dasss können wir tatsächlich. Wir verfügen nämlich über verssschiedene Sollbruchstellen am Ssschwanz, wo wir durch Mussskelkontraktionen unserer Ringmussskeln den Schwanz abwerfen können. Der abgeworfenen Ssschwanzteil zappelt dann, dank aktiver Muskeln und Nerven, noch bisss zu 20 Minuten weiter und lenkt ssso unsere Feinde von unsss ab, und wir können fliehen. Unssser Schwanz wird dann wieder nachwachsssen. Dasss hat aber auch Nachteile, denn während diessser Zeit sssind wir angreifb arer, denn wir sssind dann weniger beweglich, und der neue Ssschwanz wird von der letzten Bruchstelle ab nicht mehr abwerfbar sssein. Aussserdem wächst er nicht gleich lang nach wie vorher. Wasss vorallem bei den Männchen einen Statusss und Rangverlussst zur Folge hat. Unssser Schwanz issst für unsss lebenswichtig, da er ein Hauptspeicher für unsssere Fettreserven issst, welche wir zum Überwintern brauchen.

ICH HABE GAR NICHT GEWUSST, WIE WICHTIG EUER SCHWANZ IN WIRKLICHKEIT IST. KANNST DU MIR DAS MIT DER WINTERSTARRE NOCH ERKLÄREN. WAS SOLL ICH MIR DARUNTER VORSTELLEN?
Da wir wechssselwarme Tiere sssind, überwintern wir in einer Art Winterssstarre oder Winterssschlaf. Wir müsssen dazu aber einen frossstsicheren Unterschlupf finden, an welchem die Temperatur nicht unter 3 Grad Celsssius sinken kann, denn sssonst erfrieren wir, dasss heisst, wir ssschlafen ein und wachen einfach nicht mehr auf. Desshalb issst ein guter Unterschlupf ssso wichtig. Denn ssso wie wir mit zunehmender Kälte im Winter einssschlafen, ssso erwachen wir im Frühling mit zunehmender Wärme wieder. Gibt esss noch etwas, wasss du mich gerne fragen möchtessst?

JA, MICH WÜRDE ES INTERESSIEREN, WIE ALT IHR DENN EIGENTLICH WERDEN KÖNNT?
Lasss mich mal überlegen … Ich bin jetzt 4 Jahre alt und gehöre hier ssschon zu den ältesssten, weil ich schlau und wachsssam bin. Wir haben viel Fressfeide und der Mensch setzt unsss auch sehr zu, weil er unsere Wohngebiete zerstört und unser Futter mit Pessstiziden vergiftet. Normalerweise werden wir so 4–6 Jahre alt, ich habe aber schon von Eidechsen gehört, welche 12 Jahre alt geworden sind. Ich glaube, dasss ist auch nicht so wichtig. Viel wichtiger issst es, jetzt und hier zu leben, wer weisss schon, was morgen issst.

DA HAST DU ABSOLUT RECHT, LIZZIE. GIBT ES NOCH ETWAS, WAS DU UNS GERNE SAGEN MÖCHTEST?
Hmh, wir sind standorttreu, und nur wenige von unsss ziehen los und besiedeln neue Gebiete. Bleibt mehr in eurer Heimat und ssschaut dort zum Rechten, ssso bleibt der Kreislauf im Einklang. Man musss nicht immer in der Welt herum ziehen, um etwasss zu erleben, sssondern auch nur die Augen öffnen, um die Ssschönheit vor der eigenen Haussstüre zu erkennen.

DAS WERDE ICH GERNE SO WEITERGEBEN. ICH WÜNSCHE DIR EIN LANGES GLÜCKLICHES UND GESUNDES LEBEN, LIZZIE.
Dasss wünsche ich dir auch.

Text, Foto, Illustration Virginia Knaus

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