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NATURZYT-Ausgabe März 2021

Gespräche mit Tieren, was hätten unsere Wildtiere uns zu sagen?

Illustration Ravensong

Tierisch gutes Gespräch mit Ravensong

Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch wir sehen die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken, und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?

Eine spannende Idee – sähen wir das ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. Naturzyt hat sich deshalb entschlossen, neue Wege auszuprobieren und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.

Früher von «heidnischen» Stämmen und Völkern als Götter oder deren Begleiter verehrt. Von Juden bereits als unrein bezeichnet und im Christentum gar als Hexen und Teufelsbegleiter verfolgt, die Kadaver als Abschreckung gegen das Böse aufgehängt. Im Mittelalter nannte man sie Galgen- oder Totenvögel, sie waren aber auch Wetterpropheten oder Wegweiser der Seefahrer. Wandler zwischen den Welten zu sein und hohe Intelligenz wird ihnen nachgesagt. Es gibt wohl kaum ein Tier, welches die Geister so sehr scheidet. Die einen lieben sie, die anderen fürchten sie gar – unsere schwarz gefiederten Rabenkrähen.

Da unsere Redaktion an die Landwirtschaftszone grenzt, sehen wir oft viele Rabenkrähen auf den Wiesen umherspazieren und nach Würmern und allerlei anderem Fressbarem suchen. Und weil unser verwöhnter Redaktionskater nicht jedes Futter sein Leibgericht nennt, haben wir dann angefangen, die Futterresten in unserem Garten unserem Igel zu überlassen, welcher absolut nichts verschmäht. Das haben die cleveren Krähen mitbekommen und sogleich angefangen, uns des Morgens abzupassen und die Resten für sich zu beanspruchen. Somit hat es sich wieder einmal wunderbar ergeben, mit diesen intelligenten Tieren ein Gespräch zu führen.

GUTEN MORGEN, MEINE SCHÖNE, ICH HABE WIEDER ETWAS ÜBRIGES KATZENFUTTER. EIGENTLICH WÄRE DAS FÜR DEN IGEL GEDACHT, ABER ANSCHEINEND SCHMECKT ES DIR AUCH. WÄRST DU EINVERSTANDEN, MIR EIN KLEINES INTERVIEW DAFÜR ZU GEBEN?
Hallo, wir können gerne miteinander sprechen, wenn du das möchtest. Wie heisst du denn?

MEIN NAME IST VIRGINIA, UND WIE IST DEIN NAME?
Ich bin Ravensong.

DAS IST ABER EIN WUNDERSCHÖNER NAME. ER PASST GUT ZU DIR, DENN ICH FINDE, DU BIST EIN SEHR SCHÖNER VOGEL. DU BIST EINE RABENKRÄHE, NICHT WAHR?
Ja das bin ich, und vielen Dank für dein Kompliment. Du bist nett für einen Menschen. Weshalb möchtest du denn mit mir sprechen?

ICH MÖCHTE EURE ART DEN MENSCHEN GERNE NÄHERBRINGEN. ES GIBT VIELE VORURTEILE GEGENÜBER EUCH KRÄHENARTIGEN, UND VIELLEICHT HILFT SO EIN INTERVIEW, EUCH MAL VON EINER ANDEREN PERSPEKTIVE AUS ZU ZEIGEN.
Das klingt interessant. Ich werde dir gerne Auskunft geben und mein Wissen mit dir teilen.

DAS IST SEHR NETT VON DIR RAVENSONG. ERZÄHL MIR DOCH EIN BISSCHEN VON DIR UND DEINEM LEBEN?
Gerne. Also ich bin jetzt 3½ Jahre alt und wohne auf einer Kiefer, welche am Rande der Weide steht. Mein Partner Ariel und ich haben dort oben ein wunderschönes Nest für unseren Nachwuchs gebaut.

HATTEST DU DENN SCHON OFT NACHWUCHS?
Nein, da wir erst mit etwa 2–3 Jahren geschlechtsreif werden, war es dieses Frühjahr für mich das erste Mal. Ich hatte 5 Eier gelegt und nach 18 Tagen waren davon bereits 4 geschlüpft. Ich habe schon gedacht, das 5. würde nicht mehr schlüpfen, aber nach 20 Tagen kam es dann doch noch aus dem Ei. Leider war es so schwach, dass es nicht überlebte. Aber die ersten 4 haben sich prächtig entwickelt und sind allesamt zu stattlichen Rabenkrähen herangewachsen.

DAS IST ABER SCHÖN. SAG MAL, BEI UNS NENNEN WIR EINE MUTTER, WELCHE IHRE KINDER NICHT NETT BEHANDELT ODER NICHT GUT AUF SIE ACHTGIBT, EINE RABENMUTTER. DAS IST AUCH BEI EINIGEN VÖGELN DER FALL, WIE Z.B. DEM KUCKUCK, WELCHER SEINE KINDER IN FREMDE BETTEN LEGT … WIE IST DENN DAS NUN WIRKLICH BEI EUCH RABEN. SEID IHR GUTE ELTERN?
Wir sind sogar hervorragende Eltern. Wir kümmern uns sehr um unseren Nachwuchs. Während der ersten 18–20 Tagen habe ich unsere Eier bebrütet, und auch nachdem die Kleinen geschlüpft waren, blieb ich noch eine gute Woche bei meinen kleinen Nestlingen. In dieser Zeit war Ariel allein für die Futterbeschaffung zuständig. Er hat sowohl mich als auch die Kleinen bestens ernährt. Nach der ersten Woche haben wir dann beide gemeinsam für Futter für unsern Nachwuchs gesorgt. Abwechslungsweise, sodass die Kleinen nie ganz unbeaufsichtigt waren. Man weiss nie, was da noch alles so rumfliegt. Milane, Elstern und Bussarde werden von uns sofort aus der Nähe unseres Nestes vertrieben. Bevor wir uns ein Revier wählen und das Nest bauen, beobachten wir die Umgebung genau. Wenn Habichte in der Nähe sind, wird das Revier sofort verworfen. Das wäre viel zu gefährlich.

Ravensong

Im Gespräch mit NATURZYT
Ravensong ist eine RabenkrähenDame, liebevolle, besorgte Mutter von 3 Jungen und 1 Mädchen, liebt Erdnüsse und ihren Partner Ariel, hat ihr Nest hoch oben auf einer Kiefer neben der grossen Weide.

WAS FRESST IHR EIGENTLICH GERNE? ICH SEHE EUCH OFT HERUMLAUFEN UND IN DER WIESE RUMPICKEN. WONACH SUCHT IHR DENN DORT?
Da wir Allesfresser sind, sind wir nicht sehr wählerisch. Wir fressen Schnecken, Larven, Käfer, Fallobst, Getreide, Sämereien, Mäuse, Vogeleier, Aas und auch Abfälle. Wir gehen da das ganze Jahr immer nach Angebot. Im Frühjahr eher Regenwürmer und Käfer, dann im Frühling immer mehr Insekten und auch Vogeleier. Im Spätsommer dann eher Wirbeltiere, sprich Mäuse etc., und natürlich ist Aas im Winter eine wichtige Nahrungsquelle für uns. Ist immer cool, wenn der Bauer ein Feld umpflügt. Da springen die Grillen nur so aus den Löchern und Regenwürmer gibt es zuhauf. Das sei fast wie im Schlaraffenland, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund flögen, sagt Ariel immer.

WAHRSCHEINLICH NANNTE MAN EUCH IN FRÜHEREN ZEITEN DESHALB GALGENVÖGEL ODER TOTENVÖGEL. WEIL IHR AUCH AAS FRESST. NAJA, ÜBER GESCHMACK LÄSST SICH JA BEKANNTLICH NICHT STREITEN. ICH HABE SCHON OFT BEOBACHTET, WIE KRÄHEN ODER RABEN NÜSSE AUS GROSSER HÖHE AUF STRASSEN FALLEN LASSEN, UM SIE ZU ZERBRECHEN. WIE KOMMT IHR AUF SO ETWAS?
Wir sind ja nicht dumm. Im Gegenteil. Wir sind sogar sehr intelligent. Vieles lernen wir durch Beobachtung. Da wir sehr scharfe Augen haben und unsere Gegend genaustens im Auge behalten, entgeht uns nicht viel. Nüsse knacken ist da eine Kleinigkeit. Erdnüsse mag ich übrigens sehr. Die verstecken wir gerne in Erdlöchern oder unter Laubhaufen. Wir können uns bis zu 1000 Verstecke merken. Ausserdem benutzen wir sogar Werkzeug. Ariel hat mir mal gezeigt, wie ich mir einen Wurm aus einem Loch holen kann, in das mein Schnabel nicht reinpasst. Er hat ihn mit einem kleinen geknickten Ast für mich aus dem Loch gezogen. Das hat er bei einem Menschen abgeschaut, der mit so einer langen Stange Laub aus einem Teich gefischt hat, an welches er sonst von Rand her nicht gekommen wäre. Ist schon ein gescheiter Kerl, mein Ariel.

ICH MUSS SAGEN, IHR SEID WIRKLICH GESCHEIT, UND DAS MIT DEN ERDNÜSSEN HABE ICH MIR GEMERKT. ABER SAG MAL, DU SPRICHST OFT VON DEINEM PARTNER ARIEL. DEN MAGST DU WOHL SEHR. WIE IST DAS BEI EUCH, STÖRCHE UND SCHWÄNE LEBEN JA MONOGAM, ABER DIE MEISTEN ANDEREN VÖGEL SUCHEN SICH JEDES JAHR EINEN NEUEN BRUTPARTNER. BLEIBEN DU UND ARIEL ZUSAMMEN?
Bis das der Tod uns scheidet. Wir Rabenkrähen sind treu bis in den Tod. Wenn wir mal einen geeigneten Partner finden, bleiben wir zusammen, bis einer von beiden stirbt. Erst danach wählen wir einen anderen Partner. Ariel ist die Liebe meines Lebens, und ich könnte mir keinen liebevolleren und fürsorglicheren Partner wünschen. Ich hoff e, wir haben noch viele weitere Jahre zusammen.

DA KÖNNTEN SICH ABER VIELE MENSCHEN EIN BEISPIEL AN EUCH NEHMEN. WIE ALT KÖNNEN RABENKRÄHEN DENN EIGENTLICH WERDEN?
Wir können über 19 Jahre alt werden. Ariel ist jetzt 4 und ich 3½, also können wir noch viele schöne Jahre zusammen verleben und viele Junge aufziehen. Er ist nämlich ein sehr liebevoller Vater. Unsere Jungen wohnen in einem Schwarm, welcher sich in unserer Nähe befindet. Da wir hier ein genügend grosses Nahrungsangebot haben, brauchen wir auch unser Revier nicht so aggressiv zu verteidigen. Eigentlich sind wir nämlich sehr soziale Vögel. Bis zur Geschlechtsreife haben wir auch in diesem Schwarm gelebt und uns erst danach ein eigenes Revier gesucht. Es ist ein sehr guter Schwarm, welcher sofort merkt, wenn jemand fehlt. So wissen wir, dass unser Nachwuchs gut aufgehoben ist.

LIEBE RAVENSONG, DAS WAR WIRKLICH EIN WUNDERBARES GESPRÄCH. ICH DANKE DIR SEHR DAFÜR UND HOFFE, DASS WIR NOCH VIELE WEITERE GESPRÄCHE FÜHREN WERDEN. GIBT ES NOCH ETWAS, WAS DU DEN MENSCHEN GERNE SAGEN WÜRDEST?
Ich danke dir auch und werde gerne wieder mal eine Unterhaltung mit dir führen. Den Menschen würde ich gerne mitteilen, dass sie nicht immer Vorurteile haben sollen. Man sollte immer ganz genau hinschauen und alles hinterfragen, bevor man über etwas urteilt. Es ist nicht immer alles so, wie es aussieht, und man versteht nicht immer alle Zusammenhänge, also sollte man sich nie ein vorschnelles Urteil bilden. Nur weil nicht alle die menschliche Zunge beherrschen und nicht so aussehen, heisst das nicht, dass sie weniger intelligent oder weniger wert sind als die Menschen. Sie sehen nur anders aus und verhalten sich artspezifisch. Daran sollte man immer denken, denn das macht unsere Welt harmonischer und unseren Umgang miteinander respektvoller.

DAS SIND SEHR WEISE WORTE RAVENSONG. DANKE UND ALLES GUTE.

Text, Foto, Illustration Virginia Knaus

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