Naturzyt 2019 3

Natur erfahren: Tierisch gute Gespräche

Dachs im Wald

Tierisch gutes Interview mit Darius Dachs

Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch wir sehen die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken, und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?

Eine spannende Idee – sähen wir das ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. NATURZYT hat sich deshalb entschlossen, neue Wege auszuprobieren und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.

Mit seinen Haaren werden Kunstwerke gemalt, und der Jäger trägt gerne seinen Bart an seinem Hut. Früher nannte man ihn Grimmbart – unseren wunderbaren, geheimnisvollen Dachs.

Im naturbelassenen Teil des Parks der Glastonbury Abbey lebt seit Generationen eine Dachsfamilie. Einmal wöchentlich kann man in einer kleinen Gruppe die Tiere bei der Fütterung beobachten. Das hätten wir von der Naturzyt-Redaktion sehr gerne miterlebt, leider fehlte uns jedoch dafür die Zeit. Sehr schade. Kurz nach unserer Heimkehr entdeckten wir bei einem Waldspaziergang einen Dachsbau. Schon wieder rief sich der Dachs in Erinnerung. Und als dann kurz danach, morgens auf dem Weg zur Arbeit, zwei munter hintereinander herrennende Dachse vor unserem Auto vorbeisausten, war’s klar. Der Dachs war wohl gewillt, mit uns ein Interview zu führen. Dann wollen wir doch hören, was er uns mitzuteilen hat.

Hallo, ich bin Darius Dachs und möchte mich gerne mit euch unterhalten.

DAS HABEN WIR UNS SCHON FAST GEDACHT. IHR DACHSE WART JA AUCH SEHR PRÄSENT IN LETZTER ZEIT. WAS MÖCHTEST DU UNS DENN GERNE MITTEILEN?
Ich würde euch gerne von uns und unserer Lebensart erzählen. Vielleicht könnt ihr ja von uns auch etwas lernen. Ich habe gehört, dass ihr mit uns Tieren sprecht und das dann allen Menschen weitererzählt. Stimmt das denn?

JA, DARIUS, WIR VERSUCHEN MIT UNSEREN TIERISCH GUTEN INTERVIEWS DEN MENSCHEN ZU ZEIGEN, DASS JEDES TIER EINE PERSÖNLICHKEIT BESITZT UND DASS JEDER EINZELNE VON EUCH WICHTIG FÜR DEN KREISLAUF DER NATUR IST UND ES DESHALB VERDIENT, MIT RESPEKT BEHANDELT ZU WERDEN.
Das finde ich eine ganz tolle Sache. Also haben mir die Eichhörnchen keine Märchen erzählt. Dann werde ich sehr gerne ein bisschen über uns berichten.

DU SPRICHST MIT EICHHÖRNCHEN? STEHEN DIE DENN NICHT EHER AUF DEINEM SPEISEPLAN? UND WIE KANNST DU SIE ÜBERHAUPT VERSTEHEN, SPRICHST DU IHRE SPRACHE, DARIUS?
Natürlich, wieso sollte ich nicht mit ihnen sprechen. Das kommt allerdings eher selten vor, da wir ja nachts aktiv sind und die Eichhörnchen am Tag. Aber manchmal treffen wir uns in der Dämmerung und unterhalten uns. Aber eben nicht wie ihr Menschen mit Worten, sondern auf telepathischem Weg mit Bildern. Natürlich geben wir auch Laute von uns, aber diese sind nur zur Verdeutlichung und eher für unsere eigene Art gedacht. Gegessen habe ich Eichhörnchen noch nie. Wir essen zwar Fleisch, aber auch anderes. Wir sind sozusagen Allesfresser.

WAS SOLLEN WIR UNS DANN UNTER «ALLESFRESSER» VORSTELLEN?
Na ja, hauptsächlich essen wir Regenwürmer, aber wir essen auch Käfer, deren Larven und kleinere Säugetiere wie Wühlmäuse, Spitzmäuse, Maulwürfe, junge Wildkaninchen und ab und an auch mal einen Igel. Ausserdem auch Feldfrüchte wie Mais oder Beeren und Eicheln. Was Mutter Natur halt so zu bieten hat.

IHR ESST IGEL? ABER DIE HABEN DOCH STACHELN, VERLETZT IHR EUCH DENN NICHT DABEI?
Nein, dank unserer langen Nase können wir den Igel aufrollen, indem wir unsere Schnauze in die kleine Lücke der Rolle stecken. Aber das geschieht nicht so oft.

LETZTENS HABEN WIR BEI EINEM SPAZIERGANG EINEN DACHSBAU ENTDECKT. ALS ICH DAS NACHSCHLUG, HABE ICH GELESEN, DASS IN ENGLAND EIN DACHSBAU GEFUNDENWURDE, WELCHER 50 KAMMERN UND 178 EINGÄNGE HATTE, DIE DURCH 879 METER TUNNEL MITEINANDER VERBUNDEN WAREN. DAS IST WAHRLICH EINE WAHNSINNSLEISTUNG. WIE BRINGT IHR SOWAS ZU STANDE?
Es ist so, dass wir die Baue über Generationen hinweg immer bewohnen und ausbauen. Einige Baue werden so über Jahrzehnte, wenn nicht sogar über Jahrhunderte hinweg bewohnt.

Im Gespräch mit NATURZYT
Darius Dachs aus dem Clan der Adlisberg-Dachse. Der Fuchsfreund und Regenwurmliebhaber ist heute 6 Jahre alt. Er buddelt fürs Leben gerne und geht mit offenen Augen durch die Nacht.

WIE UNTERSCHEIDEN SICH DENN EURE BAUE VON DEN FUCHSBAUEN, DARIUS? HABEN DIE MEHR AUSGÄNGE? ODER IST DIE LAGE ANDERS?
Nein eigentlich nicht. Wir wohnen gerne in hügeligen, reich strukturierten Landschaften, in Laubmischwäldern mit ausgeprägter Strauchschicht. Die Baue legen wir dann meist an Waldrandhabitaten und an Hängen an. Wir graben gerne in die Tiefe. Die Wohnkammer befindet sich mindestens 5 Meter unter der Erde mit vielen Zugangstunneln, so ist die Frischluftzufuhr gewährleistet. Alte Baue können zudem mehrere Etagen untereinander haben. Dem Fuchs gefällt das auch, deshalb denke ich, dass der hauptsächliche Unterschied wohl darin liegt, dass wir erstens unsere Kammern mit Moos, trockenem Laub und getrocknetem Farn auspolstern – das hilft gegen Ungeziefer und man schläft ruhig und gut – und dass wir sehr reinlich sind. Will heissen, wir haben unsere Klos draussen (Loch buddeln, reinmachen und dann wieder zuschütten). Nicht wie der Fuchs, wo man grad muss … Ausserdem findet man uns nur selten in Siedlungsnähe, nicht wie Meister Reinecke. Wir nutzen zwar offene, landwirtschaftlich genutzte Flächen gerne zur Nahrungssuche, aber damit hat sich’s auch schon. Mit dem Fuchs verstehen wir uns so gut, dass wir oftmals einen Bau mit ihm teilen. Ich habe auch einen Fuchs als Mitbewohner, weil unser Familienbau auch schon ein paar Jahre alt und gross genug dafür ist.

GIBT DAS DENN KEINE PROBLEME? ZUM BEISPIEL WENN IHR JUNGE HABT?
Keineswegs. Füchse sind wie wir Allesfresser. Sie gehören zwar zu den Hundeartigen und wir zu den Marderartigen, jedoch sind wir gar nicht so sehr verschieden. Ausserdem haben wir etwa zur gleichen Zeit Junge. Zwar ist die Fortpflanzung bei uns etwas anders, aber die Kleinen kommen in etwa zur gleichen Zeit zur Welt.

WAS HEISST: DIE FORTPFLANZUNG IST ANDERS?
Naja, Wir können uns das ganze Jahr über paaren, da es bei uns eine Keimruhe gibt. Das heisst, die befruchteten Eizellen nisten sich, nachdem sie als Blastocysten geruht haben, erst im Winter so zwischen Anfang Dezember und Mitte Januar in der Gebärmutterschleimhaut ein. So werden unsere kleinen meistens Anfang März nach 45 Tagen Tragzeit geboren. Der Fuchs hat seine Ranzzeit meistens zwischen Dezember und März, und die Tragezeit beträgt zirka 50 Tage. Das heisst, die Fuchswelpen kommen meistens nur wenige Tage nach unseren zur Welt. Also ihr seht, wir haben dann beide alle Pfoten voll zu tun mit der Aufzucht unserer Jungen. Und sollte es trotzdem mal Probleme geben, sind wir wehrhaft genug, uns gegen die Füchse durchzusetzen. Schliesslich sind wir mit 7 bis 14 Kilo fast doppelt so schwer wie der Fuchs und mit unseren langen Vorderkrallen auch gut bewaffnet.

WAS PASSIERT, WENN DIE JUNGEN ERWACHSEN WERDEN. VERLASSEN DANN ALLE DEN FAMILIENSITZ UND SUCHEN IHR GLÜCK IN DER GROSSEN WEITEN WELT?
Also bis die Kleinen erwachsen sind, dauert das schon ein Weilchen. Bis zum zweiten Lebensjahr bleiben die Jungen im Clan, erst dann beginnen sie abzuwandern. Das ist wohl ganz ähnlich wie bei euch Menschen. Bei uns sind es meist die Weibchen, welche gehen und sich eine neue Heimat suchen. Fast so, wie wenn ihr Menschen heiratet und eine eigene Familie gründet. Jedoch ohne Verwandtenbesuche. Es gibt aber auch immer wieder solche, die für den Rest ihres Lebens im Clan bei ihrer ursprünglichen Familie bleiben.

WIE ALT KÖNNEN DACHSE DENN WERDEN, DARIUS?
Wenn man uns nicht jagt, wir gesund bleiben und immer genug zu futtern finden, dann können wir bis zu 15 Jahre alt werden. Das ist dann aber wirklich der absolute Idealfall. In der Realität sind es eher 3 bis 10 Jahre. Je nachdem.

FRÜHER HAT MAN DACHSE IHRES FELLS UND DES FETTES WEGEN GEJAGT. MAN SAGTE, DASS DACHSFETT GUT GEGEN RHEUMA SEI, UND DIE HAARE BRAUCHTE MAN FÜR PINSEL UND HUTSCHMUCK. ABER HEUTE, WERDEN DENN HEUTE WIRKLICH NOCH DACHSE GEJAGT?
Ja leider, Jagen ist für den Menschen nach wie vor auch ein Sport. Leider nur nicht mit fairen Waffen. Oft haben es die Jäger gar nicht auf uns abgesehen, sondern auf unsere Mitbewohner, die Füchse. Diese werden vergast und damit werden wir gleich mit getötet. Und wenn wir dennoch ihr Ziel sind, dann weil man uns nachsagt, dass wir schädlich fürs Niederwild (Hasen etc.) seien und sowieso viel zu viele, dann bringt man uns durch Fallenjagd zur Strecke.

DAS IST JA SCHRECKLICH. WIR WÜRDEN EUCH GERNE HELFEN, ABER WIE? GIBT ES ETWAS, WAS WIR TUN KÖNNTEN, ODER ETWAS, WAS DU UNS GERNE NOCH SAGEN MÖCHTEST?
Ihr könnt uns am besten helfen, indem ihr weiterhin über uns Tiere berichtet. Den Menschen aufzeigt, dass wir gar nicht so verschieden von euch sind. Dass es uns braucht und dass, wenn ihr endlich der Natur mal wieder etwas mehr freien Lauf lassen würdet, sich alles von selbst regeln würde. Jeder von uns hat seine Aufgabe im Kreislauf des Lebens, und wenn man uns nicht jagen würde, würden wir auch nicht so viel Nachwuchs produzieren, weil dann wäre unsere Lebensspanne auch länger. Da aber das Nahrungsangebot sich trotzdem nicht vervielfältigt, würden wir auch unseren Nachwuchs regulieren. Wir können unsere Fortpflanzung durchaus steuern, auch ohne Pille … Aber wenn wir ständig dezimiert werden, müssen wir uns entweder vermehrt fortpflanzen, oder wir sterben aus. Ihr seht also, es ist bei allem immer das gleiche. Das Leben ist ein fortwährender Kreislauf. Bitte bedenkt das, bevor ihr immer wieder in die natürliche Ordnung eingreift. Der Mensch ist für das Aussterben so
vieler verschiedener Lebewesen verantwortlich, und das nicht nur durch die Jagd und nicht nur in der Tierwelt, sondern auch in der Pflanzenwelt, durch Umweltverschmutzung und Giftstoffe, die ihr unkontrolliert oder sogar kontrolliert freisetzt. Das muss doch eigentlich nicht sein, oder?!

DAS SIND WAHRLICH SEHR WEISE WORTE, DARIUS, DAFÜR DANKEN WIR DIR VON HERZEN, WIR WERDEN SIE GERNE WEITERTRAGEN. DIE BEGEGNUNG MIT DIR HAT UNSER HERZ SEHR BERÜHRT. WIR WÜNSCHEN DIR ALLES GUTE FÜR DEIN WEITERES, HOFFENTLICH LANGES, GESUNDES LEBEN.
Ich kann das nur an euch zurückgeben. Ich hoffe, dass ihr noch mit ganz vielen Tieren Interviews führen werdet und ihre Worte den Menschen mitteilt. Gebt niemals auf. Und wenn ihr wieder mal unterwegs seid, denkt an mich. Wer weiss, man sagt ja, man begegnet sich immer zweimal im Leben. Lebt wohl und lebt froh.

Text / Illustration Virginia Knaus Foto fotolia

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