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NATURZYT-Ausgabe Juni 2021

Naturgarten – ein natürlicher Lebensraum für die Artenvielfalt

Mittlerer Weinschwärmer

Die Blüten der Nachtblumen im eigenen Garten

Duftende Nachfalterblumen für den abentlichen Garten, nicht nur für die Tierwelt eine Freude.

Laue Sommerabende im Garten, wer mag sie nicht? Gemütliches Geniessen auf der Terrasse oder dem Sitzplatz, den Fledermäusenbei ihren Flugkünsten zuschauen, ein Igel raschelt im Gebüsch, Konturen verschwinden in der Dunkelheit. Und angenehme Düfte, die tagsüber nicht wahrzunehmen waren, sind plötzlich präsent und machen auf besondere Blumen aufmerksam.
Denn es gibt einige Pflanzenarten, deren Blüten sich erst abends öffnen oder erst zu später Stunde zu duften beginnen. Nicht nur durch ihren Duft , sondern auch mit ihren meist hellen, das spärliche Licht reflektierenden Blüten machen sich diese Nachtblumen bemerkbar. In erster Linie wollen sie damit natürlich Bestäuber anlocken, nachtaktive Eulenfalter und Schwärmer.

Nachtblumen wie Nachtviole mit duftenden Blüten

Bei den beiden Kreuzblütlern Nachtviole (Hesperis matronalis) und Mondviole (Lunaria rediviva) verrät schon der Name, dass sie einen Bezug zur Dunkelheit haben. Nicht nur auf Deutsch, auch die wissenschaftlichen Bezeichnungen weisen darauf hin. Hesperis stammt vom griechischen hespera für Abend, Lunaria bezieht sich auf das lateinische Wort luna für den Mond. Tatsächlich haben beide zwar ihre Blüten auch tagsüber geöffnet und locken damit viele Insekten an (u.a. die Schöterich-Mauerbiene Osmia brevicornis, die ausschliesslich an grossblütigen Kreuzblütlern Pollen sammelt), sie entfalten aber ihren Wohlgeruch erst abends. Die Nachtviole ist kurzlebig, sie blüht im zweiten Jahr und manchmal im dritten oder vierten ein weiteres Mal, dann aber etwas schütterer. Die Kurzlebigkeit macht sie durch Selbstaussaat wett, an passenden Standorten keimt im Umfeld der Mutterpflanze viel Nachwuchs. Ihre problemlose Art und die üppigen Blütenstände mit dem angenehmen Hyazinthenduft machten die Nachtviole über Jahrhunderte zur beliebten Gartenblume, die erst in den letzten Jahrzehnten etwas in Vergessenheit geriet. Höchste Zeit, sie wieder zu entdecken und zurück in unsere Gärten zu holen.

Die Mondviole (Lunaria rediviva) verströmt in der Abenddämmerung ihren Blütenduft

In den Steppen Südosteuropas kommt eine besondere Verwandte unserer altbekannten Nachtviole vor, die Trübe oder Trauer-Nachtviole (Hesperis tristis). Sie gedeiht dort auf trockenen Böden und verzaubert mit ebenfalls ab dem Abend duftenden Blüten, die eigenartig gelblich-bräunlich gefärbt und von feinem dunklem Adernetz überzogen sind. Eine interessante Art für durchlässige Standorte im Garten, aber leider ist ihr Saatgut kaum erhältlich. Das Ausdauernde Silberblatt, wie die Mondviole auch genannt wird, ist im Gegensatz zur Nachtviole sehr langlebig. Über die Jahre bildet sie stattliche Horste mit reicher Blüte. Ihr natürlicher Lebensraum sind luftfeuchte Schluchtwälder, im Garten gedeiht sie entsprechend an schattigen Stellen, kommt aber auch mit trockeneren Umständen zurecht. Nach der Blüte bilden sich die typischen flachen Schoten, ähnlich wie man sie vom bekannteren Garten-Silberblatt (Lunaria annua) kennt, das aber nur zweijährig ist und leider nicht duftet. Was nicht ganz stimmt, denn in Südosteuropa gibt es davon die Unterart pachyrhiza, deren violette Blüten einen etwas grösseren Blauanteil aufweisen und tatsächlich leichten Wohlgeruch verströmen. Diese Unterart ist manchmal unter dem Fantasienamen «Corfu Blue» im Handel.

Bei den Nelkengewächsen gibt es auch eine ganze Reihe Arten, die nachtduft end sind. Allen voran das Seifenkraut (Saponaria offi cinalis). Es ist eine langblühende Staude, die mit unterirdischen Ausläufern rasch grosse Bestände bilden kann. Die saponinhaltigen Wurzeln können tatsächlich zum Waschen von Textilien verwendet werden. Seifenkrautblüten sind bei Nachtfaltern ganz besonders beliebt, sie locken diese Gestalten der Dunkelheit fast schon magisch an. Manchmal wird in Gärtnereien eine alte Kulturform mit locker gefüllten Blüten angeboten, die einen noch ausgeprägteren Duft verströmen.

Die Weisse Lichtnelke (Silene latifolia) ist eine kurzlebige Staude ruderaler Standorte und passt mit ihren grossen, weissen Blüten, die in der Abenddämmerung leuchten, gut in ein sonniges Beet. Diese Art ist zweihäusig, d.h., weibliche und männliche Blüten befinden sich auf unterschiedlichen Pflanzen. Manchmal wirken die reinweissen Blüten in der Mitte etwas dunkel, als hätte sie jemand mit Russ markiert. Es handelt sich um den Antherenbrand Microbothryum lychnidis-dioicae, einen auf Staubgefässe von Lichtnelken spezialisierten Pilz, der Blütenbesucher nutzt, um zu neuen Wirten transportiert zu werden.

Abendstimmung im Naturgarten

Vom gleichen Pilz können auch die Blüten der Acker-Lichtnelke (Silene noctifl ora) befallen werden. Diese einjährige Art ist ein selten gewordenes Ackerunkraut und rollt tagsüber ihre Blütenblätter ein, um sie abends für Nachtschmetterlinge wieder zu entfalten. Blätter und Stängel sind drüsig behaart, was sie klebrig macht und dafür sorgt, dass der Pollen an Insekten, die damit in Berührung kommen, besser haften bleibt.

Das Nickende Leimkraut (Silene nutans) und das Italienische Leimkraut (Silene italica) sehen tagsüber so unscheinbar aus, dass man ihnen kaum Beachtung schenkt. Abends aber entfalten sie ihre geschlitzten weissen Blütenblätter und beginnen zu duften, dann wird jeder auf sie aufmerksam. Auch das weit verbreitete Gemeine Leimkraut (Silene vulgaris) weist den gleichen Blührhythmus auf. Seine etwas sukkulenten jungen Triebe können übrigens als Wildgemüse genutzt werden und sind in Italien manchmal unter dem Namen Strigoli auf dem Markt.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Leimkräuter, die erst abends ihre Blüten öffnen.

Wohlbekannte Nachtblumen für den Nachtkerzenschärmer

Nachtduft er par excellence sind natürlich die wohlbekannten Nachtkerzen (Oenothera). Eine spannende Gattung, da sie seit ihrer Einfuhr in Europa als Neophyt munter weiter evoluiert und Kleinarten entstehen lässt, die es in ihrer ursprünglichen Heimat Nordamerika gar nicht gibt.

Im Garten halten sich diese populären Blumen durch Selbstaussaat und tauchen so als Überraschung an immer wieder anderen Stellen auf. Am häufigsten sieht man wohl die grossblumige Rotkelchige Nachtkerze (Oenothera glazoviana/ erythrosepala). Es ist immer wieder faszinierend, in der Abenddämmerung den leuchtend hellgelben Blüten bei ihrer Entfaltung zuzuschauen und den typischen Duft zu schnuppern. Weniger wuchtig im Wuchs ist die Duft -Nachtkerze (Oenothera odorata), von der meist eine blassgelb blühende Variante kultiviert wird.

Im Abendlicht strahlen die Nachtkerzenblüten besonders intensiv.

Die Raupen des Nachtkerzenschwärmers (Proserpinus proserpina) können manchmal tatsächlich an der Nachtkerze gefunden werden, am besten in der Dunkelheit, wenn sie zum Fressen an den Stängeln hochkriechen. Tagsüber verstecken sie sich am Fuss der Pfl anze. Sie sind durch den augenartigen Fleck am Hinterleibsende gut von anderen Schwärmerraupen zu unterscheiden, die hier jeweils einen hornartigen Fortsatz tragen. Häufiger als an Nachtkerzen kann man die Raupen aber an Weidenröschen (Epilobium) fi nden, nahen Verwandten der Nachtkerzen. Auch die Raupen des Mittleren Weinschwärmers (Deilephila elpenor) haben Appetit auf Weidenröschen und Nachtkerzen. Die prächtigen Falter besuchen dann zusammen mit anderen schönen Schwärmern und Eulenfaltern im Schwirrfl ug allerlei Blüten der Nacht.

Dass es auch bei den Taglilien (Hemerocallis) Vertreter gibt, die ihre ganze Pracht erst zu später Stunde entfalten, ist nur wenig bekannt. Die Zitronen- Taglilie (Hemerocallis citrina) blüht abends auf und verbreitet nachts ihren frischen Duft . Auch die oft in Gärten anzutreffende Gelbe Taglilie (Hemerocallis lilioasphodelus) hat ihren Höhepunkt eigentlich abends und nachts, dann ist ihr Maiglöckchenduft am deutlichsten wahrzunehmen. Also müsste man vielleicht manche Taglilien wohl besser in Nachtlilien umtaufen?

Dass Nachtschattengewächse in diesem Kontext nicht fehlen dürfen, liegt fast auf der Hand. Hier gibt es einige duftgewaltige Nachtblüher, die als Kübelpflanzen oder Sommerflor kultiviert werden, wie z.B. Engelstrompeten (Brugmansia), Goldkelch (Solanandra), Nachtjasmin (Cestrum nocturnum) und Tabakarten (Nicotiana). Aber auch die hiesige Flora hält einen Nachtduft er dieser giftigen Familie bereit, den Stechapfel (Datura stramonium). Ein seit Jahrhunderten eingebürgerter Neophyt und vagabundierender Geselle. Er taucht plötzlich an einem Ort auf, um danach wieder für eine Weile zu verschwinden, sein Saatgut scheint lange im Boden überdauern zu können. Im Garten kann man ihn gezielt aussäen, aber auch hier wird er sich etwas launisch benehmen. Ein Versuch sollte es aber wert sein, nicht nur des süssen Blütenduft s wegen, sondern auch wegen der attraktiven namensgebenden Früchte, die auch an der dürren Pflanze noch bis weit in den Winter hinein zierend sind. Und Samen für eine weitere, irgendwann keimende Nachtduftergeneration verstreuen.

Die Aufzählung abendlicher Duft - pflanzen liesse sich noch weiter fortsetzen…

Wir sollten uns bewusst sein, dass in einem Garten nicht bloss die Optik eine Rolle spielt, sondern dass auch Düfte ein harmonisches Ambiente prägen. Diesen Aspekt mit leuchtenden Blüten vom Tag über den Abend bis in die Nacht strahlen zu lassen, bereichert die Gartenatmosphäre aufs angenehmste. Da würde sich auch mal eine erlebnisreiche Übernachtung im eigenen Garten lohnen.

Text Dani Pelagatti Fotos Dani Pelagatti; Entomologie/Botanik, ETH Zürich; Albert Krebs; Adobe Stock; shutterstock

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