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NATURZYT-Ausgabe Juni 2021

Gespräche mit Tieren, was hätten unsere Wildtiere uns zu sagen?

Alfred Assel

Tierisch gutes Gespräch mit Alfred Assel

Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch wir sehen die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken, und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?

Eine spannende Idee – sähen wir das ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. Naturzyt hat sich deshalb entschlossen, neue Wege aus zuprobieren und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.

Sie sind unter Steinen, in Laubhaufen oder im Kellern zuhause. Unscheinbare, graue, kleine Panzertierchen mit gefühlten hundert Beinchen. Ekel befällt die meisten Menschen, wenn sie die kleinen grauen Gesellen sehen. Ungeziefer nennen wir sie, doch haben auch sie einen Platz im Naturkreislauf und werden gebraucht. Die Rede ist von unseren Landasseln.

Eines Abends kurz vorm Verlassen unserer Redaktion fand ich ein kleines, graues Wesen im WC, welches verzweifelt versuchte, aus dem Lavabo herauszukrabbeln. Natürlich ohne Erfolg, denn in dem rutschigen Becken fand es nirgends Halt. Wie gut, dass ich noch keinen Interviewpartner hatte, so konnte ich die Rettungsaktion gleich zu einem kleinen Gespräch nutzen.

NA, DU ARMER KERL, WIE BIST DU DENN HIER HINEINGERATEN?
Mann, ich bin an so einem haarigen Hintern hängen geblieben und dann hier runtergefallen. Bitte, bitte spül mich nicht runter.

DAS WERDE ICH SICHER NICHT TUN. WAHRSCHEINLICH HAT SICH UNSER REDAKTIONSKATER AUF DICH GESETZT, UND WEIL’DRAUSSEN NOCH ETWAS FEUCHT WAR, BIST DU AN IHM HÄNGEN GEBLIEBEN. ICH WERDE DICH WIEDER NACH DRAUSSEN IN DEN GARTEN BRINGEN. IST DAS FÜR DICH OK?
Ehrlich, das machst du? Du bist aber wirklich nett. Ich hatte schon Angst, dass du mich ertränkst.

NEIN, DU HAST DOCH AUCH EINE DASEINSBERECHTIGUNG. DU BIST EINE ASSEL, NICHT WAHR? WIE HEISST DU DENN?
Ich bin Alfred und ich bin eine Landassel.

SIND LANDASSELN DENN ANDERS ALS ANDERE ASSELN?
Ähm ja, wir leben, wie es der Name schon sagt, an Land. Aber es gibt auch welche von unserer Art, die leben im Wasser, sogar im Meer.

IM WASSER, ABER KÖNNT IHR DENN DA ATMEN? ERZÄHL DOCH MAL ETWAS ÜBER EURE ART! HÖRT SICH JA RICHTIG INTERESSANT AN.
Das interessiert dich? Ich bin doch nur so ein kleines graues Panzertierchen. Normalerweise vergiften, zerquetschen oder vertreiben uns die Menschen, weil sie sich vor uns ekeln. Und du, du willst was über uns wissen. Wieso?

WEIL ICH FINDE, ES HAT JEDES AUCH NOCH SO KLEINE WESEN SEINE AUFGABE AUF UNSERER ERDE, UND ICH MÖCHTE GERNE DEN MENSCHENZEIGEN, WARUM UND WESHALB IHR WICHTIG SEID. DESHALB MACHE ICH IN JEDER AUSGABE DES NATURZYT-MAGAZINS EIN INTERVIEW MIT EINEM VERTRETER EINER WESENSGATTUNG. UM ZU ZEIGEN, WAS FÜR EINEN WICHTIGEN BEITRAG ZUR ER HALTUNG UNSERER ERDE IHR LEISTET. VIELLEICHT BEWEGT DAS ANDERE MENSCHEN, EUCH ALS NÜTZLICHE WESEN AN - ZUSEHEN, WELCHE GENAUSO EINE DASEINSBERECHTIGUNG HABEN WIE WIR.
Wow, das ist aber cool. Dann gebe ich dir natürlich sehr gerne Auskunft . Was möchtest du denn wissen?

Insekt AsselIm Gespräch mit NATURZYT
Alfred Assel, Erstzersetzer und Humusbildner. Vater von Hunderten Kellerasseln. Im Sommer meist nachts aktiv. Mag Feuchtig keit. Isst mit Vorliebe Falllaub, Totholz, mag aber auch Insektenkadaver, Kot und Spinneneier.

NA, EINFACH ALLES, WAS ES SO ÜBER EUCH ZU WISSEN GIBT. WAS GENAU SEID IHR? GIBT ES VERSCHIEDENE ARTEN VON EUCH? WIE GROSS SEID IHR? WO LEBT IHR? WOVON LEBT IHR? WIE PFLANZT IHR EUCH FORT? WIE ALT WERDET IHR? ETC. ETC. EINFACH ALLES, WAS DU SO WEISST.
Okay. Also dann werde ich mal ein bisschen erzählen. Also hör gut zu. Wir Asseln sind eine Ordnung, die zur Klasse der höheren Krebse gehört. Es gibt Asseln,die sind nur gerade 0,3 Millimeter gross, es gibt aber auch welche, die werden bis zu 50 Zentimeter lang.

Die grossen Asseln jedoch leben im Meer, welches auch der ursprüngliche Lebensraum von uns Asseln ist. Es gibt aber auch im Süsswasser Asseln und auch eine Gruppe, die das Wasser verlassen hat. Nämlich die Landasseln, zu welchen ich gehöre. Wir haben aber durchweg die Kiemenatmung beibehalten. Da wir unsere zarten Kiemenanhänge ständig feucht halten müssen, bevorzugen wir ein eher feuchtes Zuhause. Wir können aber trotzdem auch im Trockenen gefunden werden. Zum Beispiel könnt ihr Mauerasseln im Falllaub, unter Baumstümpfen oder unter Steinen finden. Dort können sie mit ihrem Mundwerkzeug, man nennt das Mandibeln, Falllaub und Totholz anfressen. Die meisten Asseln sind nämlich Pflanzenfresser und gehören somit biologisch zu den Erstzersetzern. Ich bin eine sogenannte Kellerassel und ernähre mich von abgestorbenen organischen Substanzen. Ich lebe in einer Kolonie im Garten, unter einem von euren Blumentöpfen. Dort ist es immer schön feucht und weder zu kalt noch zu warm. Ausserdem gibt es dank den verrottenden Blättern und Pflanzenteilen auch immer genug Nahrung.

Wir sind meist nachts aktiv, denn vor allem in den wärmeren Monaten verlieren wir sonst zu viel Wasser. Dann trocknen wir aus und sterben. Unsere Art ist meistens schiefergrau. Wir haben einen fein gezackten, halbringförmig gegliederten Rückenpanzer mit 14 Schreitbeinen und 12 Spaltfüssen sowie eine Schwanzplatte mit Tastorganen. Unsere Fühler sind zweigliedrig und wir haben eine Körpergrösse von 9 bis etwa 14 Millimetern. Wenn wir in Gefahr sind stellen wir uns meistens tot. Diese Schreckstarre funktioniert meistens ganz gut. Wir haben aber viele Fressfeinde. Spinnen, Spitzmäuse, Igel, Kröten, Frösche, Blindschleichen, Laufkäfer, Wolfsspinnen, Weberknechte, Hundertfüsser und, und, und. Die fressen uns aber nur sporadisch. Die schlimmsten sind für uns aber der Grosse Asseljäger, eine Spinne, und die Asselfliege. Die haben uns zur Hauptnahrungsquelle erkoren und sind auf unsere Art spezialisiert. Naja, dafür haben wir auch ganz viel Nachwuchs, so gibt es kein Ungleichgewicht. Das gehört einfach zum Lebenszyklus dazu. Nach der Paarung häutet sich das Weibchen und entwickelt dabei zwischen den Laufbeinhüften einen Brutraum. Dort trägt es die 10 bis 70 befruchteten Eier in einer flüssigkeitsgefüllten Blase an der Bauchseite. Fast wie in einem Aquarium. Das dauert etwa 40 bis 50 Tage. Danach schlüpfen die Jungtiere und der kleine Assel- Nachwuchs wird freigesetzt. Nach etwa 14 Häutungen, welche etwa 3 Monate dauern, sind dann die kleinen Landasseln ausgewachsen. Eine Häutung kann einige Stunden bis zu 2 Tage dauern. Die abgeworfene Hülle fressen wir meist danach auf, da sie für uns wichtige Nährstoffe enthält. Asseln häuten sich ein Leben lang immer wieder, sonst können wir ja nicht wachsen. Unsere Lebenserwartung beträgt 2 bis 3 Jahre. Wir sind somit die einzigen dauerhaft an Land lebenden Krebstiere, welche sich auch ausserhalb des Wassers fortpflanzen. Weltweit gibt es mehr als 3500 verschiedene Arten von uns Landasseln. Wir sind also für unser Ökosystem wichtig, denn als Zersetzer und Humusbildner verputzen wir tonnenweise abgestorbenes Pflanzenmaterial und scheiden es wieder aus. Ähnlich wie Regenwürmer. So, und mehr weiss ich jetzt auch nicht mehr zu erzählen. Hast du noch irgendwelche Fragen?

WOW, NEIN. ICH GLAUBE, DU HAST ALLES, WAS ICH WISSEN WOLLTE, GESAGT UND NOCH MEHR. IHR SEID WIRKLICH UNGLAUBLICH INTERESSANTE GESCHÖPFE. DAS HÄTTE ICH NICHT VERMUTET, SO UNSCHEINBAR WIE EUER ÄUSSERES IST. ICH DANKE DIR SEHR FÜR DIESES AUFSCHLUSSREICHE GESPRÄCH MIT DEN VIELEN INTERESSANTEN DETAILS ZU EURER ART. GIBT ES NOCH ETWAS, DAS DU DEN MENSCHEN GERNE SAGEN MÖCHTEST?
Das habe ich sehr gerne gemacht. Ich finde es gut, dass du mir die Möglichkeit gegeben hast, von unserer Art zu leben zu berichten. Ich fände es nämlich sehr schön, wenn die Menschen uns nicht immer nur als Ungeziefer, welches ekelig ist und unbedingt ausgerottet gehört, ansähen. Sondern dass sie auch sehen, wie nützlich wir sind, und dass es wichtig ist, dass wir am Leben sind und damit viel Gutes für unsere Erde tun. Wäre schön, wenn sie uns dadurch mit etwas anderen Augen sehen würden. Wir behelligen sie ja nicht und leben meist ungesehen und unerkannt unter euch. Aber wenn ihr dann doch mal einen Stein umdreht und uns findet, dann deckt uns doch vorsichtig wieder zu und lasst uns leben, denn auch wir haben ein Recht, da zu sein.

DAS WERDE ICH SEHR GERNE AN UNSERE LESER WEITERGEBEN, ALFRED. ICH WÜNSCHE DIR ALLES GUTE FÜR DEINE ZUKUNFT.
Danke das wünsche ich dir auch.

Text, Illustration Virginia Knaus Foto Adobe Stock

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