Erpel im Wasser mit offenen Flügel

Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch wir sehen die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken, und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?

Eine spannende Idee – sähen wir das ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. NATURZYT hat sich deshalb entschlossen, neue Wege auszuprobieren und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.

Sie schwimmen auf Teichen und Seen, auf Flüssen und Bächen, und manchmal sieht man sie sogar auf überschwemmten Wiesen herumpaddeln. Sie tauchen unter und ploppen wieder nach oben wie Korken. Wir lieben es, sie zu füttern und beginnen zu lächeln, wenn sie über Wiesen und Wege watscheln. Disneys beliebte Donalds und Dagoberts – unsere Enten.

Nahe unserer Redaktion befindet sich ein Park, welcher die Leute bei schönem Wetter zum Draussen- Spazieren und Beobachten einlädt. Dort schlossen wir Bekanntschaft mit einem höchst distinguierten Enterich namens Elmar von Erpel. Fasziniert von seiner Persönlichkeit, beschlossen wir spontan, ein Gespräch mit ihm zu führen.

SEI GEGRÜSST, LIEBER ENTERICH, ES IST UNS EINE FREUDE, DICH KENNEN ZU LERNEN. ES GIBT BESTIMMT VIELES, WAS DU UNS ÜBER EUCH ERZÄHLEN KANNST. WIE IST DENN DEIN NAME?
Guten Tag, die Dame, ich heisse Elmar von Erpel. Ihr dürft mich gerne Herr Elmar nennen, meine Dame, und nur keine Scheu, stellt ruhig alle eure Fragen, ich werde sie bestmöglich beantworten.

DAS IST SEHR NETT VON IHNEN, HERR ELMAR. ZU WAS FÜR EINER GATTUNG ENTE GEHÖREN SIE DENN?
Unsereins gehört der Gattung der Entenvögel an, genauer sind wir eine Stockente. Wir sind die am häufigsten vorkommende und auch die grösste Schwimmente und die Stammform eurer Hausenten.

IHR SEID EIN GANZ PRÄCHTIGER ENTERICH, HERR ELMAR, KÖNNEN SIE UNS VIELLEICHT SAGEN, WIE GROSS SIE SIND?
Wir sind gute 58 Zentimeter lang und haben eine Flügelspannweite von gut 95 Zentimeter. Also ja, wir sind tatsächlich ein Prachtexemplar.

JA WIRKLICH, SIE HABEN AUCH EIN WUNDERSCHÖNES GEFIEDER. DIE PFLEGE NIMMT BESTIMMT VIEL ZEIT IN ANSPRUCH. KÖNNEN SIE UNS SAGEN, WIE SIE DAS MACHEN, IMMER SO GUT AUSZUSEHEN?
Wir pflegen unser Gefieder in der Tat sehr. Wir können Ihnen das sehr gerne einmal zeigen, werte Dame. Wir gehen mit dem Kopf nach hinten zu unserem in unser Gefieder. Da darf nicht ein Federchen vergessen werden, sonst dringt Wasser in unser Federkleid, und das wäre doch äusserst unangenehm.

Im Gespräch mit NATURZYT

Illustration einer EnteElmar von Erpel ist ein distinguerter Gentleman, welcher bevorzugt von sich in der ersten Person Mehrzahl spricht. So tollpatschig er als Landgänger aussehen mag, so elegant pflügt er durchs Wasser. Er legt grossen Wert auf ein gepflegtes Aussehen und putzt deshalb sein Gefieder regelmässig.

DAS IST JA EINE WAHNSINNSARBEIT. WAS WÜRDE DENN PASSIEREN, WENN WASSER DURCHS GEFIEDER DRINGEN WÜRDE? KÖNNTEN SIE DANN NICHT MEHR SCHWIMMEN?
Das haben wir, Gott möge uns behüten, noch nie herausfinden müssen. Wir haben etwa 10 000 Daunen und Deckfedern, welche uns vor Nässe und Kälte schützen. Und auf dem Wasser werden wir von einem Luftpolster getragen, welches sich zwischen unseren Daunen, unserer Bauchfettschicht und unserem Deckgefieder befindet. So ist uns immer schön warm, und wir können elegant auf dem Wasser dahingleiten. Wobei wir noch anmerken möchten, dass wir nicht etwa dick sind.

DAS WÜRDEN WIR AUCH NIEMALS DENKEN. SIE SIND EIN SEHR SCHÖNER UND WOHL-PROPORTIONIERTER ENTERICH.
Mmh jaa, wir tragen ja momentan auch unser Prachtkleid mit der schönen Erpellocke am Bürzel und dem metallisch grünen Kopfgefieder.

TRAGT IHR DENN NICHT IMMER DIESES FEDERKLEID?
Nein, leider nicht. Wir tragen den Winter durch ein Schlichtkleid. Dann sehen wir unseren Entendamen zum Verwechseln ähnlich, nur unser Schnabel bleibt dann gelb. So Mitte Mai beginnen wir mit unserer Mauser, und zwischen Juli und August wechseln wir dann unser Schwingengefieder, weshalb wir gute 3 bis 5 Wochen flugunfähig sind. Tatsächlich voll abgeschlossen haben wir dann die Entwicklung unseres Prachtgefieders meist erst im Dezember.

DU MEINE GÜTE, DAS IST ABER EIN SEHR LANGER PROZESS.
In der Tat, das ist es, meine Dame. Haben sie noch andere Fragen?

WIR WÜRDEN GERNE NOCH ETWAS ÜBER EUER ZUSAMMENLEBEN ERFAHREN. SIND ENTEN AUCH PARTNERTREU WIE SCHWÄNE? HELFEN ERPEL AUCH BEI DER AUFZUCHT DER KLEINEN ENTEN MIT, UND HABEN ENTEN BALZRITUALE?
Oh là là, meine Dame, das sind aber sehr persönliche Fragen. Aber nun gut, wir werden Ihnen die Antworten nicht vorenthalten, meine Dame. Schliesslich begrüssen wir Wissbegierde und möchten ja auch etwas zum besseren Verständnis unserer Art beitragen. Hm hm. Es gibt leider viel mehr Erpel als Enten, und deshalb teilen wir uns unsere Damen manchmal mit mehreren Erpeln. Wir balzen auch des Öfteren in Gruppen. Das heisst also, wir sind nicht partnertreu, sondern Gelegenheit macht Liebe. Wir müssen zu unserer Schande sogar gestehen, dass es manchmal bei der Begattung so stürmisch zu- und hergehen kann, dass auch schon mal eine Dame dabei ertränkt wurde. Natürlich ist uns das niemals passiert, wir können uns schliesslich zurückhalten. Den Nistplatz suchen wir gemeinsam mit unserer Herzdame aus. Manchmal sogar auf einer Hochhaus-Terrasse. Die Aufzucht der Jungen legen wir dann aber in die gekonnten Flügel unserer Damen. Da wir mit unserem Prachtgefieder viel eher Feinde anlocken würden, ist das für unseren Nachwuchs sicherer. Ausserdem sind unser Kinder Nestflüchter und laufen dem Ersten, den sie sehen, hinterher, da ist es wirklich besser, sie sehen als Erstes ihre Mutter.

DAS IST WIRKLICH SEHR INTERESSANT. VERPAAREN SICH STOCKENTEN DENN NUR MIT ANDEREN STOCKENTEN?
Ääähm, Sie wollen es aber ganz genau wissen, meine Dame. Dazu können wir nur sagen, alles, was wie eine Ente aussieht, ist auch eine Ente.

VERZEIHEN SIE, WIR WOLLTEN SIE NICHT IN VERLEGENHEIT BRINGEN, HERR ELMAR.
Ist schon gut, meine Dame. Können wir Ihnen mit weiteren Auskünften dienen. Vielleicht nicht ganz so persönlichen?

ABER GERNE. UNS WÜRDE NATÜRLICH AUCH INTERESSIEREN, WIE, WO UND WOVON SIE LEBEN. KÖNNEN SIE UNS DAZU NOCH EINIGE INFORMATIONEN GEBEN?
Aber sehr gerne. Wir sind nicht sehr anspruchsvoll, was unsere Nahrung angeht, da wir omnivor sind. Das heisst, wir essen alles, was wir finden. Hauptsächlich pflanzliche Stoffe wie Samen, Früchte, grüne Wasser-, Ufer- und Landpflanzen. Aber auch Schnecken, Würmer, Frösche, Kaulquappen, Weichtiere, Krebse und kleine Fische. Im Winter essen wir auch Eicheln oder Nüsse. Wir sind nicht wählerisch, und neue Nahrungsquellen werden von uns sofort gefunden und genutzt. Beim Lebensraum sind wir ebenso anpassungsfähig. Wo Wasser ist, sind wir zuhause. Mit dem Rest arrangieren wir uns und machen das Beste daraus.

LIEBER HERR ELMAR, DAS WAR EIN GANZ INTERESSANTES GESPRÄCH. VIELEN HERZLICHEN DANK DAFÜR. GIBT ES NOCH ETWAS, WAS SIE UNSEREN LESERN GERNE NOCH SAGEN MÖCHTEN, ODER ETWAS, WAS WIR FÜR SIE TUN KÖNNTEN?
Es war uns ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft gemacht und Ihnen unsere Art nähergebracht zu haben, meine Dame. Es gibt in der Tat etwas, was ich Ihnen gerne noch mit auf den Weg geben würde. Es wäre sehr schön, wenn die Menschen nicht immer Büchsen, Flaschen und sonstige Abfälle in unsere schönen Teiche werfen würden. Auch auf Kaugummipapier und Zigarettenstummel auf den angrenzenden Wiesen könnten wir gut verzichten. Das schadet nämlich nur unseren Mägen und macht uns krank, wenn wir aus Versehen so etwas zu uns nehmen. Es kann uns sogar töten. Ausserdem wäre doch alles viel schöner, wenn kein Abfall überall herumliegen würde, nicht wahr? Ansonsten bedanken wir uns natürlich sehr für die uns angebotenen Leckereien, welche man uns ab und zu mitbringt.

WIR WERDEN IHRE ANMERKUNG SEHR GERNE WEITERGEBEN, HERR ELMAR. ES WAR AUCH UNS EINE FREUDE, SIE KENNEN ZU LERNEN. AUF EIN HOFFENTLICH BALDIGES WIEDERSEHEN IM PARK, HERR ELMAR.
Auf Wiedersehen, meine Dame, gehaben Sie sich wohl und bis bald einmal.

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NATURZYT Ausgabe Juni 2016, Text und Illustration Virginia Knaus, Foto AdobeStock

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