Der God Tamangur im Unterengadin ist der höchstgelegene Arvenwald Europas und Symbol der Rätoromanen im Kampf um das Überleben ihrer Sprache. Für den Wanderer sind die knorrigen Baumgestalten ein traumhaftes Ziel.
«Di’m est tü amo qua? Tü bös-ch da Tamangur. Il vent t’ha sdarlossà. E tegn nun hast ninglur. Eu sun e stun e nu bandun. Eu nu dun loc, poust vaira. N’ha vis e sa cha minch’inviern fa lö a prümavaira.» «Sag mir bist du noch da, du Baum von Tamangur? Der Wind hat dich zerzaust, und nirgends find’st du Halt. Ich bin und steh und weiche nicht, ich hab’s erlebt und weiss. Ich geb nicht nach – wirst seh’n: Noch jeder Winter macht' dem Frühling Platz.»
Der Song «Il bös-ch rumantsch – der romanische Baum» ist weit mehr als eine Liebeserklärung des Liedermachers Linard Bardill an den God Tamangur, Europas höchstgelegenen zusammenhängenden Arvenwald. Der Text, der auf ein Gedicht von Madlaina Stuppan zurückgeht, verkörpert den Kampf der Rätoromanen ums Überleben ihrer Sprache und Kultur. Und wer könnte diesen Kampf besser symbolisieren als der God Tamangur? Der Wald steht für Stärke, Hartnäckigkeit und Überlebenswille. Er trotzt Wind und Wetter und arrangiert sich mit den extremen Temperaturschwankungen, die zuhinterst im Unterengadiner Val S-charl auf 2200 Metern herrschen: Im Sommer wird es angenehm warm, im Winter nicht selten minus dreissig Grad und kälter.
Knorrige Baumgestalten von Tamangur
Und so stehen sie da, die knorrigen Baumgestalten von Tamangur; knorrig, zerzaust, struppig und vom Wetter gezeichnet, in stoischer Ruhe, als ginge sie der Lauf des Lebens nichts an. Einige zählen 800 Jahrringe und mehr, andere haben den Lebenskreis vor langer Zeit geschlossen und dienen der Waldgemeinschaft als Totholz, das sich wegen seines hohen Säuregehalts und des trockenen Klimas nur sehr langsam zersetzt. Kein Wunder, verzaubert der God Tamangur Musiker, Schriftsteller, Fotografen und Künstler – und unzählige Wanderer auf ihrem Weg vom Val Müstair ins Val S-charl. Der höchstgelegene Arvenwald Europas kann nämlich nur zu Fuss besucht werden.

Ausgangspunkt ist entweder der Ofenpass oder das kleine Dorf Lü. Wir entscheiden uns für Lü, wie der God Tamangur ein Unikat. Auf einer Sonnenterrasse auf 1920 Metern gelegen, gehört es zu den höchsten ganzjährig bewohnten Ortschaften Europas. Ein spätmittelalterliches Kirchlein, ein altes Gasthaus und eine Handvoll verzierter Engadinerhäuser prägen das Dorfbild, dazu gesellt sich das Alpine Astrovillage, das Zentrum für Himmelsbeobachtungen und -fotografi e. Es profitiert davon, dass in Lü Lichtverschmutzungen kein Thema sind. Zudem sorgt das trockene Klima für manch wolkenlose Nacht.
Arvenmärchen-Wald God Tamangur
Wir erfreuen uns bei Tag am blauen Himmel und ziehen los Richtung Alp Champatsch. Kurz nach Lü fällt uns ein einzelnes, freistehendes Haus auf. Es ist alles, was von Lü Daint nach dem Lawinenwinter 1951 übriggeblieben ist. Am 21. Januar donnerten gewaltige Schneemassen zu Tal, vier Menschen und viele Tiere fanden den Tod. Eine Gedenktafel erinnert an die schicksalhafte Nacht. Irgendwie schauert uns, wie wir kurz darauf in den Lärchenwald eintauchen und den Blick schweifen lassen, über die steilen Hänge in die Tiefe und die Felsen in die Höhe. Schön, weitet sich auf der Alp Champatsch die Landschaft wieder und sind Sonne und Aussicht zurück.

Von der gegenüberliegenden Talseite lacht uns der Münstertaler Hausberg Piz Daint entgegen, mit seinen 2968 Metern Höhe ein zäher Wanderbrocken. Unser Aufstieg zum Pass da Costainas ist moderater, wenn auch die Schweisstropfen reichlich fliessen. Abwechslung spenden die unzähligen Blumen am Wegrand: blaue, rosarote, gelbe, weisse, kleine, grosse, frische und welke. Man könnte Stunden damit verbringen, sie zu bewundern und ihre Namen zu bestimmen. Wir begnügen uns mit ihrer Schönheit und stehen bald auf dem breiten Pass. Vor uns öffnet sich ein reizendes Tal. Moore säumen seinen Grund, über den ein Wildbach munter mäandriert, ein Kranz dunkler Berge säumt seine Ränder, eine Herde Mutterkühe baut die Blumenpracht genüsslich ab. In der Ferne ist der God Tamangur auszumachen, unser Arven-Märchenwald. Gut, gibt es vorher noch eine Zwischenstation: Die Sennin auf der Alp Astras preist frische Buttermilch und «reifen Bergkäse» an.

Vom Tannenhäher erschrecken lassen
Bei den Tamangur-Arven liesse sich der Rest des Tages verbummeln. Manch eine spendet einen lauschigen Picknickplatz, wo man die Ruhe geniessen, sich von den Baumgestalten verzaubern und vom Tannenhäher erschrecken lassen kann. Ein Blick auf die Karte bereitet der Bummelei ein Ende – S-charl ist noch weit. Doch der Weg lohnt sich. Er schlängelt sich zwischen den Arven hindurch, die in Tamangur ihren Lebensraum selbst bestimmen. Der Wald ist geschützt, auf eine Bewirtschaftung wird verzichtet. Das bekommt ihm gut. Trotz des hohen Alters erfreut sich der God Tamangur hoher Vitalität und Dynamik.
Vital und dynamisch ist auch unsere Begleitung für den Rest der Tour. Der Wildbach von vorhin, die Clemgia, ist zurück. Schäumend und lautstark eilt sie S-charl entgegen, wo auch wir hinwollen. Einmal mehr ist die Landschaft wundervoll, und wie wir kurz vor dem Ziel die Füsse im Wasser kühlen, ist das Glück nahezu perfekt. Fehlen nur noch Kaffee und Kuchen. Beides gibt es in S-charl. Ein uriges Dorf, das viel zu erzählen weiss aus der Zeit des Bergbaus. Doch das ist eine andere Geschichte.
Tipps und Informationen zur Wanderung zum God Tamangur
An- und Rückreise: Mit dem Zug nach Zernez, dann mit dem Postauto via Ofenpass und Fuldera nach Lü. Zurück ab S-charl mit dem Postauto nach Scuol-Tarasp, wo die Rhätische Bahn wartet. Das Auto parkiert man am besten in Zernez und fährt mit dem öffentlichen Verkehr weiter.
Wanderroute: Lü – Alp Champatsch – Pass da Costainas – Alp Astras – God Tamangur – Tamangur Dadora – Plan d'Immez – S-charl.
Anforderungen: Die Bergwanderung ist technisch einfach und eignet sich auch für Familien mit berggängigen Kindern. Die Route ist zur Hauptsaison rege begangen und im Sommer auch bei Bikern beliebt. Im Tamangur-Arvenwald sind die Wanderer indes unter sich. Auf dem Pass da Costainas sowie vor S-charl weiden Mutterkühe. Die Wanderung dauert, ohne Pausen, rund 4,5 Stunden.
Einkehr: In Lü, auf der Alp Champatsch und in S-charl. Auf der Alp Astras werden Getränke und Käse verkauft.
Karten: Swisstopo-Wanderkarte 1:50 000 Blatt Nationalpark (459T); Swisstopo-Landeskarte 1:25 000 Blätter S-charl (1219) und Sta. Maria (1239).
Literatur und Musik: Leta Semadeni, Tamangur, Roman, erschienen im Rotpunktverlag Zürich. Linard Bardill, CD Tamangur, www.bardill.ch.
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NATURZYT Ausgabe Juni 2017, Text, Fotos Daniel Fleuti