Naturzyt 2019 3

Natur erleben: Themen zu Naturpärken und Naturregionen

Wintereinbruch am Blausee im Kandertal

Still fällt der Schnee ins Tal der Kander

In der Stille zeigt die Welt sich von ihrer schönsten Seite. Der Schnee liegt auf Wald, Felsen und Wiesen. Die Natur versinkt im Winterschlaf – still wird es im Tal der Kander.

Es schneit. Klammheimlich hat der Schnee sich über Wald, Felsen und Wiesen gelegt, drei, vier Zentimeter dick. Leicht rieseln die Flocken auf den Blausee, wirbeln durch den Schein der Uferweg-Laternen, fallen auf die Tannen und kleiden sie in dezentes Weiss, während der kleine Bergsee sich dank der Unterwasserstrahler in leuchtendem Türkis zeigt – grad, als würde er aus tiefstem Innern glühen. Der Wald am gegenüberliegenden Ufer hüllt sich in tiefes Schweigen, und die steilen Berge, die den See und dessen Senke umrahmen, haben sich weit in die Dunkelheit zurückgezogen.

Wenn abends die Lichter angehen, glüht der Blausee von innen.

Ich lehne am Balkongeländer und sehe zu, wie der Winter kommt. Wie die Welt sich wandelt, sich von der Wirklichkeit löst und zu einem Traumgebilde in Weiss wird. Genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte, als ich vor einigen Tagen beschloss, am Blausee auf den ersten Schnee zu warten. Und so freue ich mich am Bild, das sich mir bietet, und staune darüber, wie die eigene Vorstellungskraft immer mal wieder Wirklichkeit schafft.

Die Tränen im See

Als meine Freundin und ich am Tag zuvor im Kandertal ankamen, war noch später Herbst. Der Wald um den Blausee war rotgelb, feucht und roch nach Moder, die Felsen waren bemoost und die Wege durch das dicht bewaldete Bergsturzgebiet mit Laub bedeckt und glitschig. Einzig die Gipfel der nahen Berge waren schneebedeckt. Ich war etwas enttäuscht, zugegeben, aber als dann der See vor uns lag, dieses türkisblaue Wunder, das selbst bei misslichem Wetter ein heiteres Strahlen zeigt, und das Hotel oberhalb des Ufers sich wie ein Willkommensgruss vom tristen Himmelsgrau abhob, wich die Enttäuschung einer stillen Freude. Und als ich etwas später auf dem Uferweg das Seelein umrundete, mit den Schuhspitzen durch das Laub pflügte, dann und wann stehen blieb und den Enten bei ihrem Tun zuschaute und den Blick auf den sich langsam ausdehnenden Ringen verweilen liess, die von hochspringenden Forellen aufs Wasser gezeichnet wurden, dachte ich nicht mehr daran, dass ich hier oben ursprünglich den Herbst hatte verabschieden wollen.

Am Abend beginnt es zu schneien. Und am Morgen zeigt die Welt sich in blendendem Weiss. Bloss der See leuchtet noch immer in strahlendem Türkis. Wie die Tränen aus den blauen Augen des Mädchens, das hier zur letzten Ruhe gefunden haben soll. Vor langer Zeit, heisst es, lebte im oberen Kandertal in der Nähe des Seeufers ein Mädchen, das unsterblich in einen Hirtenknaben verliebt war. Jeweils nächtens, wenn das Mondlicht über die Tannenwipfel sich in den See ergoss, bestiegen die Liebenden ein Boot und liessen sich auf dem See treiben. Eines unseligen Tages jedoch glitt der Hirtenjunge beim Wildheuen aus und stürzte über eine Felswand ins Verderben. Das Mädchen haderte und weinte und ruderte oft in der Nacht auf den See hinaus. Es suchte Trost und Vergessen – und fand den Tod. Eines Morgens fand man das Schiff gekentert, und die Schifferin lag auf dem Grund des Sees. Seither zeigt das Wasser des Sees sich in tiefem Blau – es heisst, es seien die Tränen des Mädchens. Heute erinnert die am Seegrund dösende Statue des Zürcher Künstlers Raffael Fuchs an das tragische Ende des traurigen Mädchens.

Schnee auf den Flügeln

Über Nacht ist es Winter geworden. Es ist kalt, und eine dicke Schneedecke dämpft sämtliche Geräusche. Noch immer hängen schwere Wolken tief über dem Kandertal, doch ab und zu rücken sie etwas beiseite, grad als ob sie der Sonne einen Blick auf die Winterlandschaft gewähren wollten. Nebel steigt aus dem See, unter den sich gegen das Wasser neigenden Bäumen ziehen Enten in immer gleichen Bahnen, und ihr Kielwasser schlägt leichte Wellen. Ich spaziere am See entlang, der Schnee knirscht unter meinen Schuhen, und die Holzdielen der kleinen Brücke knarren unter meinem Gewicht. Ich blicke hinüber zum Hotel, im Restaurant wird das Frühstück serviert. Ich glaube, frischen Kaffee riechen zu können, und mache mich auf den Weg. Doch ein Abstecher in den tief verschneiten Wald muss sein, erste Spuren in den Schnee drücken, sich unter den schwer beladenen Ästen ducken, den Winterwald spüren. «Ein Waldbad nehmen» nennen die Japaner einen Spaziergang durch den Forst und verweisen darauf, dass das Eintauchen in die Natur der Seele gut tue. Ich teile diese Meinung vor - behaltlos. Und freue mich darauf, im Laufe des Tages noch weitere solche Tauchgänge zu unternehmen. Der Kander entlang hinauf nach Kandersteg etwa. Bilderbuchlandschaft am Oeschinensee, hinter dem die imposanten Berge sich himmelwärts strecken. Oder durch den Oeschiwald. Vielleicht auch hinauf zur Spittelmatte und über die arktisch anmutende Hochebene Richtung Gemmipass. Und dann, gegen Abend, auf den um Fels brocken und Baumstämme mäandernden Pfaden im verwunschenen Wald rund um den Blausee. Wo Gnome und Trolle leben und die Wirklichkeit im Winter bis weilen zum Märchen wird.

Am Abend wird es wieder schneien. Weiterer Schnee wird sich auf Wald und Wiesen legen, und während wir uns im Hotel am Kaminfeuer bei einem heissen Getränk auf ein köstliches Fischgericht freuen, wird die Stille sich sacht über den See legen, und Schneeflocken werden die Flügel der Enten zieren.

Text / Foto Heinz Storrer

Kandersteg Bern

Kandersteg liegt am Ende des Kandertals inmitten einer imposanten Bergwelt. Kanderstegs Umgebung ist erschlossen mit einem gut aus gebauten Netz von Loipen, Pisten, Schlittelbahnen und Winterwanderwegen. Bei Mitholz, zwischen Kandersteg und Frutigen, liegt der kleine Bergsee auf 887 Meter ü. M. inmitten eines 22 Hektar grossen Naturparks. Im Sommer ein beliebtes Ausflugsziel, ist er im Winter eine Attraktion ganz besonderer Art.

Tipp: Immer in der letzten Januarwoche lässt Kandersteg die Zeit der Belle Epoque auferstehen – und das ganze Dorf, nicht nur Hotels und Restaurants, macht mit bei den ebenso spannenden wie unterhaltenden kulinarischen und historischen Anlässen.

Anreise: Mit dem Zug via Bern oder Brig, mit dem PW via A6 Richtung Thun-Spiez, dann Nationalstrasse nach Kandersteg.
Mehr Informationen: Kandersteg Tourismus, Telefon 033 675 80 80, www.kandersteg.ch, www.oeschinensee.ch, www.sunnbuel.ch, www.blausee.ch

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