Naturzyt 2019 3

Natur erleben: Themen zu Naturpärken und Naturregionen

Parc Ela

Parc Ela - der Grösste Naturpark der Schweiz

Im Herzen von Graubünden liegt der Parc Ela, mit 548 Quadratkilometern der grösste Naturpark der Schweiz. In der vielseitigen Landschaft um die Alpenpässe Albula, Julier und Septimer erfährt und erlebt man die ursprüngliche und vielfältige Natur.

Vom tiefsten Punkt in der Schinschlucht mit 745 Metern bis zum höchsten Punkt Piz Kesch auf 3418 Meter ändern sich Farben und Formen der Landschaft immer wieder: sanfte Heckenlandschaften, blühende Trockenwiesen, schroffe Schluchten, urchige Föhrenwälder, karge Landschaften mit Gletschern und Bergseen, imposante Weitblicke von hohen Gipfeln sowie eine aussergewöhnliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren.

Balz im Bergwald

In drei Naturwaldreservaten wird seit Jahren kein Baum mehr gefällt und die Waldentwicklung der Natur überlassen. Am Crap Furò oberhalb von Surava, bei La Niva oberhalb von Savognin und im Val Faller bei Mulegns wachsen Fichten, Föhren und Lärchen ohne Nutzungsansprüche durch Menschen. Davon profitieren viele Pflanzen, Pilze und Tiere, die in einem bewirtschafteten Wald wenig Raum zum Leben finden. Zwei grosse Sonderwaldreservate im Albulatal und im Surses sind auf den Schutz des Auerhuhns ausgelegt. Auerhühner, die in ganz Europa stark gefährdet sind, leben in lichten Nadelund Nadelmischwäldern mit einer dichten Krautschicht und reagieren empfindlich auf Störung. Im Parc Ela lebt eine der letzten grossen Populationen der Schweiz. In den Sonderwaldreservaten wird der Wald deshalb gezielt auf die Bedürfnisse der Auerhühner hin gepflegt. Störungen durch Freizeitaktivitäten im Winter und während der Brutzeit im Frühling sollten aber möglichst klein bleiben. Deshalb werden keine Exkursionen zu den Auerhühnern angeboten. Ihre Verwandten, die ebenfalls scheuen, aber recht häufig vorkommenden Birkhühner, können jedoch im Frühling in Begleitung eines Wildhüters bei der Balz beobachtet werden.

Birkhühner können im Frühling in Begleitung eines Wildhüters bei der Balz beobachtet werden. (Foto: Bergün Filisur Tourismus)

Im Jagdbanngebiet Ela, im Val Faller bei Mulegns und im Val Tuors bei Bergün leben grosse Kolonien von Steinböcken und Gämsen, Hirschen und Rehen. Nicht selten kreisen Steinadler und Bartgeier über der Gegend.

Schatzinsel der Artenvielfalt - Hochplateau Alp Flix

Das Hochplateau der Alp Flix bezaubert durch die Weite und den Blick auf den Piz Platta. Fett- und Trockenwiesen verzahnen sich mit Bergwald, Hochund Flachmoore formen mit Bergseen ein vielfältiges Mosaik. Als Moorlandschaft von nationaler Bedeutung steht die Alp Flix unter Schutz. Eiszeitliche Gletscher schürften einst die weite Ebene ab und schufen ein fein gegliedertes Relief mit Kuppen und Senken. Wo sich Grundwasser und das Wasser der Bäche sammelten, bildeten sich Flach- und Hochmoore. Selbst Fachleute waren überrascht, als sie am 2. Geo-Tag der Artenvielfalt im Jahr 2000 auf der Alp Flix innerhalb von nur 24 Stunden 2092 Arten dokumentieren konnten. Unter vielem anderem wurden auch über 86 Vogelarten und mehr als 500 verschiedene Blütenpflanzen gefunden. Neu entdeckte Arten wurden nach der Alp benannt, wie die Dungmücke «Rhexoza flixella» oder der Blattfloh «Trioza flixiana». Seit damals gilt die Alp Flix als Schatzinsel der Artenvielfalt und wird unter Federführung der Stiftung «Schatzinsel Alp Flix» wissenschaftlich untersucht. Ziel ist es, die gesamte Artenvielfalt zu erfassen und die ökologischen Zusammenhänge zu klären. Die Alp Flix ist dank dem saisonal betriebenen «Bus alpin» mit dem öffentlichen Verkehr gut erreichbar.

Artenreiche Magerwiese mit Arnika. (Foto: Lorenz Fischer)

Wilde Gletscherlandschaft und eine 300-jährige Gletscherleiche

Das Kesch-Ducan-Gebiet bei Bergün ist geprägt von Gletschern und Firnfeldern. Die Landschaft von nationaler Bedeutung wurde über die Jahrhunderte vom Porchabella-Gletscher unterhalb des Piz Kesch geformt. Vor dem Gletscher erstreckt sich ein einzigartiges, sich ständig wandelndes Gletschervorfeld. Es fasziniert durch Stille, Steine und die Dynamik des Wassers. Spezialisierte Pflanzen und Tiere haben sich an das karge Leben im Geröll angepasst. Ehemalige Moränen aus Gesteinsmaterial, das vom Gletscher abgelagert wurde, zeugen von vergangenen Gletscherständen. Einst bedeckte der Porchabella-Gletscher das ganze Val Tuors, zog sich aber bis 1900 bis zur Kesch-Hütte zurück. Seit damals schmilzt der Gletscher aufgrund der Klimaerwärmung weiter, und zwar immer schneller. Was vielen Sorgenbereitet, freut die Archäologie. So gab der Porchabella-Gletscher 1992 die Gletscherleiche einer jungen Frau frei, die um 1700 herum gelebt hat. An ihrem Todestag hatte sie ihr dunkelblondes Haar mit Netz und Filzhut bedeckt, war in einen langen, gefütterten Wollmantel gehüllt, trug eine Bluse und Lederschuhe.

Eine Besonderheit ist der aussergewöhnliche Orchideenreichtum. (Foto: Bergün Filisur Tourismus)

Im Parc Ela unterwegs

Im Parc Ela unterwegs und Wissenswertes über die Tier- und Pflanzenwelt erfahren – spannende und einzigartige Naturerlebnisse, ob auf eigene Faust, mit fachkundiger Führung oder interaktiv, im Keschgebiet erleben. Die Alpenflora erkunden und kennenlernen oder auf einer geologischen Bergwanderung auf Schritt und Tritt mit der Erdgeschichte in Kontakt kommen – von der Natur sich inspirieren lassen und Natur hautnah erfahren.

Exploratour - Geologische Wanderung

Die Bergwanderung vom Julierhospiz über die Fuorcla digl Leget bis nach Bivio folgt auf Schritt und Tritt der Erdgeschichte. Als vor 160 Millionen Jahren der Ur-Kontinent Pangäa zerbrach, trennte das Urmeer Tethys die europäische von der afrikanischen Kontinentalplatte. 60 Millionen Jahre später drifteten die beiden Kontinente wieder gegeneinander und die Alpen falteten sich auf. Spuren davon sind auf der Exploratour noch heute zu sehen. Dort liegt eine Zone frei, die normalerweise verborgen ist – der einstige Übergang vom Kontinent in den Ozean. Weitere Highlights auf der Wanderung sind die römischen Karrenspuren im Fels, 200 Millionen Jahre alte Souvenirs vom Meer und das imposante Himmelstor.

Felsentor im Val d'Agnel auf der Exploratour. (Foto: Lorenz Fischer)

Der Exploratour-Flyer mit Karte enthält Informationen zur Geologie an 12 Posten. Besonders spannend ist die Wanderung mit dem Exploratour-Kit, das bei dem Tourismusbüro in Bivio und Savognin ausgeliehen werden kann. Es enthält Forschungswerkzeuge wie Geologenhammer und Salzsäure sowie ein Handbuch mit Anleitungen für Experimente und Beobachtungen. Man blickt ins Innere von Steinen, löst Steine auf oder beobachtet, wie sich Bergblumen ans steinharte Leben im Fels angepasst haben.

Exkursion Alp Flix

Das Hochplateau der Alp Flix bezaubert durch die Fett- und Trockenwiesen, welche sich mit Bergwald, Hoch- und Flachmooren und Bergseen in ein vielseitiges Mosaik verzahnen. Victoria Spinas, eine Kennerin der Alp Flix, führt in der Exkursion durch die Flora und Fauna – und kann auch einige Geschichten über Forschungsprojekte, Mensch und Natur erzählen.

Hochmoor mit Scheiden-Wollgras auf der Alp Flix und Blick auf den Piz Platta. (Foto: Lorenz Fischer)

Expedition Kesch interaktiv

Mit der Smartphone-App Parc Ela lässt sich das Keschgebiet bei Bergün interaktiv entdecken. Drei Routen führen zu insgesamt 39 interessanten Punkten mit Kurztexten, Audiobeiträgen und Bildern über die Vielfalt des Porchabella-Gletschervorfelds und die Zusammenhänge zwischen Gletscherrückgang, Klimawandel und Energienutzung.

Auf der Route 1 «Mit Spiertin auf den Spuren der Eiszeit» führt der Gletschergeist Spiertin Kinder ab 8 Jahren und ihre Eltern von der Busstation in Chants im Val Tuors bis zur Kesch-Hütte SAC, wobei der Rückzug des Porchabella-Gletschers erwandert wird. Die reine Wanderzeit für die 4,5 km beträgt etwa 3 Stunden.

Die Route 2 «Expedition ins Land der Extreme» lässt die Wandernden mit GPS-Unterstützung die Vielfalt des Gletschervorfelds des Porchabella-Gletschers und das Leben in Fels und Eis erkunden. Der Weg ist 2,7 km lang, Dauer etwa 2 – 3 Stunden.

Die Route 3 «Energieweg rund um die Kesch-Hütte» zeigt die vorbildliche Energiegewinnung und -verwendung der Kesch-Hütte sowie den Zusammenhang zwischen Energienutzung und Klimawandel im Hochgebirge. Die interaktiven Routen stehen in der App Parc Ela zur Verfügung und können auch offline heruntergeladen werden.

Blühende Alpenrosen ob Savognin. (Foto: Savognin Tourismus im Surses)

Naturwaldreservat Carp Furo

Der Pfad der Pioniere führt von Surava zur Felsnadel Crap Furò, der geografischen Mitte Graubündens, nach Alvaneu Bad und wieder zurück. Das Naturwaldreservat Crap Furò wird seit einigen Jahren nicht mehr bewirtschaftet und kann sich ungestört entwickeln. Das harsche Klima und Naturgewalten wie Steinschläge, Murgänge und Lawinen haben eine Waldvielfalt geschaffen, wie man sie sonst in der Schweiz kaum auf so kleinem Raum antrifft. Mehrere Aussichtspunkte geben den Blick frei ins untere Albulatal und die gegenüberliegende Talseite. Länge 9 km, Wanderzeit 2 – 4 Stunden. Tipp: Auf dem Weg liegt der Schaftobelfall, ein einfach kaskadenartiger fallender Wasserfall mit einer Höhe von 63 Metern. Der Schaftobelfall ist von Alvaneu Bad oder Surava erreichbar.

Wissenswertes zu Parc Ela

Die Rhätische Bahn verkehrt ab Chur stündlich nach Tiefencastel, dem Eingangstor in den Parc Ela. Von dort fährt sie über Filisur nach Bergün und dann ins Engadin. Postautokurse erschliessen das untere Albulatal und das Surses mit Savognin und Bivio. Im Sommer und Herbst sind einige der schönsten Wandergebiete mit Bus alpin und Wanderbus erschlossen. In Bergün und Savognin werden E-Bikes vermietet. Schulen, Gruppen oder Firmen haben die Möglichkeit, einen ein- oder mehrtägigen Natureinsatz im Parc Ela zu leisten. Bei der Arbeit in der Natur lernen sie den Parc Ela kennen und tragen zur Förderung der Artenvielfalt im Naturpark bei. Erfahrene Fachpersonen begleiten die Gruppen beim Pflegen von Hecken, Entbuschen von Weiden, Mähen von Mooren oder Bauen von Trockenmauern.

Kontakt und weitere Informationen
Info- und Buchungsstelle Parc Ela
Telefon 081 659 16 18
www.parc-ela.ch

Fotos Lorenz Andreas Fischer, Parc Ela

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