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NATURZYT-Ausgabe Dezember 2019

Natur erleben: Themen über Kraftorte, Natur wahrnehmen

Beschlagende Fensterscheibe

Es ist Frühling und ich bin blind. Wie ein Blinder die Natur wahrnimmt

Im Frühling liebt Gerd B. das Plätschern von wiedererwachten Bächen oder das Läuten der Kuhglocken, wenn sie an Kühen hängend über die Weide getragen werden. Gerd B. erfährt die Natur mit vielen Sinnen und erschliesst daraus Bilder. Sehen tut er sie aber nicht.

In der Natur liebt Gerd B. besonders die Stille. Er muss sich nicht anstrengen, um seine Umwelt zu erfassen und die Gefahren zu hören. Kein Motorenlärm und auch keine Sprachausgabe am Computer, die ihm im Arbeitsalltag ununterbrochen Inhalte zur weiteren Verarbeitung vorliest. Und auch keine Stimmen, die durcheinanderreden und die Kommunikation ohne Gestik und Mimik schier unmöglich machen.

Die eigenen Naturbilder malen

An der Hand seiner Frau Ursula geht Gerd B. in der Natur wandern. Manchmal wird er gefragt, was er überhaupt vom Wandern habe. Nach den Strapazen sähe er noch nicht einmal die schöne Aussicht. Ein gewisser Schmerz sei natürlich schon da, obschon seine Frau und Freunde ihm alles beschrieben. Doch zum Glück habe er eine rege Fantasie und ein reichhaltiges inneres Film- und Fotoarchiv aus jener Zeit, als ihm das Sehen noch nicht versagt war. Dort nimmt er heraus, was er braucht, um die Beschreibungen seiner Mitwanderer zu komplettieren und innerlich seine eigenen Naturbilder zu malen.

In der dritten Primarklasse erfuhr Gerd B. vom Augenarzt, seine Augen würden jenen eines uralten Mannes gleichen. Zwar würde er nie daran erblinden, denn an einer Makuladegeneration, wie damals die Diagnose lautete, erblindet man nicht. Doch seine Sicht verschlechterte sich fortan. Vor vier Jahren bekam er einen Hörsturz und eine Linsentrübung dazu. Hinter der Linsentrübung kam nur noch totes Netzhautgewebe zum Vorschein: Retinitis pigmentosa, eine Netzhautdegeneration, bei der die Fotorezeptoren zerstört werden.

Seither benutzt Gerd B. nur noch sein inneres Film- und Fotoarchiv. Die Bilder, die er abruft, sind zwar schwächer als ein reales Bild, doch weil keine neuen Bilder mehr dazukommen, kann er die vorhandenen viel besser verwalten, wie in einer Mediathek. Die Qualität seines Bildmaterials ist beständig und kommt auch beim Wandern zum Einsatz.

Als Teil der Natur fühlen

Auf Wanderschaft müssen auch Bäche überquert werden. Davor fürchtete sich Gerd B. anfangs sehr. Dann hat er rasch gelernt, andere Sinne kompensatorisch einzusetzen. Heute liebt er solche Abenteuer. Seine Frau geht ihm voraus und reicht ihm entweder die Hand oder er streckt seinen Stock nach ihr aus. Sie legt die Stockspitze auf den nächsten Stein. Er macht einen Schritt auf die Stockspitze zu und zieht den anderen Fuss nach. Und rundherum zischt und spritzt es, dann fühlt sich Gerd B. als Teil der Natur.

Die Natur erfahren

Um die Natur zu erfahren, tastet Gerd B. auch Baumstämme und Wurzelstöcke ab und schnuppert an Pilzen und Blumen. Ein ausgewaschener Holzwurzelstock fühlt sich sehr schön an, ist spannend und taktil ästhetisch. Ein Stein ist rau, und ein besonders weiches Moospolster, wo man sich als winzig kleines Zwerglein am liebsten reinsetzen und einschlafen und die ganze Nacht darin verbringen würde, das sei besonders schön. 

In seinen Träumen ist Gerd B. meistens sehbehindert. Er ist aber ohne weissen Stock unterwegs. Es kommt auch vor, dass er im Traume sieht. Und manchmal muss er im Traume blind Auto fahren, obwohl er es noch nie gelernt hat, das fühle sich ganz schön stressig an.

Der Waldboden federt weich unter seinen Füssen. «Es ist bald dunkel», flüstert seine Frau. Gerd B. bleibt ganz ruhig, damit sie die Tiere sehen kann. Ein Knistern im Unterholz. «Eine weisse Schwanzspitze verschwindet in der Nacht.» Gerd B. findet in seinem Bildarchiv einen Fuchs dazu.

Foto Antonietta Fabrizio, SZB

Unterstützung für blinde Menschen

Der Schweizerische Zentralverein für das Blindenwesen (SZB) ist seit 1903 die Dachorganisation der in der Schweiz ansässigen Organisationen, die sich um Menschen mit einer Seh- oder Hörsehbehinderung kümmern. Der SZB leistet wichtige Informations- und Koordinationsarbeit im Sehbehindertenwesen. Er leistet auch direkte und professionelle Hilfe, insbesondere mit der ambulanten Beratung und Begleitung taubblinder Menschen sowie mit der Entwicklung und Bereitstellung spezieller Hilfsmittel. Er setzt sich dafür ein, dass taubblinde, blinde und sehbehinderte Menschen ihr Leben selbst bestimmen und in eigener Verantwortung gestalten können. Der SZB ist mit dem ZEWO-Gütesiegel für einen vertrauenswürdigen Umgang mit Spendengeldern ausgezeichnet.
Mehr Informationen unter: www.szb.ch

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