Naturzyt 2018 09

Natur erleben: Themen über Kraftorte, Natur wahrnehmen

Buche wächst

Liebeserklärung an die Bäume

Sie sind uns so nah. Aufrecht stehen sie uns gegenüber. Tausendfach sprechen sie in beredtem Schweigen. Und tausendfach können wir ihnen begegnen, mit all unseren Sinnen. Unseren Freunden aus dem Pflanzenreich: den Persönlichkeiten Apfelbaum, Ginkgo, Esche oder Zitronenbaum.

Die Birke hat die seidigste Stimme im Baumchor. Sie tröstet traurige Seelen mit ihrem lichten Gesang und summt Melodien, die Mut machen. Jeder kann den Birkengesang erkennen, kein anderer Baum hat diese Seide in der Stimme. Sie gilt als Baum der Jugend, und so hell klingt auch ihre Stimme. Auch der Espe oder Zitterpappel kann ich stundenlang zuhören. Sie hat den vielfältigsten Sprechgesang unter allen Bäumen. Jeden Hauch des Windes blättert sie in eine Flüster, Wisperund Raschelsymphonie aus. Das Zittern ihrer Blätter ist keinesfalls ein Zeichen von Schwäche. Es ist vielmehr ein Beweis für die allerfeinste Wahrnehmung ihrer Umwelt. Das Rauschen des Nussbaums tönt für mich wie das Wehen eines königlichen Mantels, wie der Atem eines edlen, grossen Tieres. Freundlich durchaus. Aber auch Respekt heischend. Trotz seiner ausladenden Grösse ist sein Gesang ein kompakter Chorklang. Jeder Baum hat seine Stimme, seinen eigenen Windgesang. Doch Bäume sprechen auch durch das Ächzen und Knarren von Zweigen und das Klopfen von Früchten. Und wenn es ganz still ist, wie in den bulgarischen Bergen, dann ist mir, als höre ich ihre Baumherzen schlagen, als höre ich ihre Persönlichkeit, ihr wahres Wesen. Sie haben uns so viel zu sagen.

Ich liebte es, mich in den Schatten eines Baumes zu stellen, als ich klein war. Ich stand gern an den Baum gelehnt und lauschte, stellte mir seine Krone vor. Das ging nur ansatzweise. Ich hätte seine Krone gerne bestaunt, doch ich wusste, dass ich ihn auch als blinde Verehrerin erfassen konnte. Gern berührte ich die Rinde, die so kühl war. Sie ähnelte einer Haut, schwitzte aber nicht. Doch weinen konnten die Bäume. Die Lärchen zum Beispiel mit ihrem Harz. Manchmal griff ich hinein. Den Duft liebte ich, doch meine Finger klebten zusammen. Mein Vater rieb meine Finger sorgfältig mit Sprit ab, ich brauchte sie als Augen.

DER DUFT DER BÄUME

Bäume duften. Sie parfümieren sich. Die einen mit harzigen oder balsamischen Noten, andere mit betörenden Blütendüften. Einer der schönsten Baumblütendüfte ist der Lindenduft . Im Herbst riecht das Laub nach der erfüllten Reife, nach Klugheit ohne Hochmut, nach Sinn und Dank. Im Sommer stehen Dunstglocken über Föhren- und Eukalyptuswäldern, ihr Duft ist wie ein Klang, der sich weithin ausschwingt. Es gibt auch Holz, das duftet. Das Holz des Feigenbaumes riecht nach Vanille. Und der Zimtbaum hat in Rinde, Holz und Blatt seinen unverwechselbaren, aromatisch scharfsüssen Duft, der die Lebensgeister weckt und uns gleichzeitig heiter zufrieden stimmt. Im Herbst und Winter schätzen wir den Duft der Früchte besonders, den Duft nach Zitrusfrüchten, Quitten, Äpfeln und Birnen. Sie künden vom prallen Leben mitten in der kalten Jahreszeit.

Die Bäume haben all unseren Sinnen etwas zu sagen. Doch das ist noch längst nicht alles. Die Bäume sind Persönlichkeiten,  wie wir Menschen es auch sind. Die Linde zum Beispiel ist ein Frauenbaum, die Eiche symbolisiert den Mann. Apfelbäume sind Märchenerzähler, die gigantischen Sequoias wie der Grossvater per se. Der Ginkgo ist der resiliente Überlebenskünstler, die Lärche hält Leichtes und Schweres in der Balance, sie ist die Verkörperung des Sternzeichens Waage. Die Föhre ist der Feuerbaum, der sich aufrecht und voller Zivilcourage in den Himmel brennt. Natürlich kann jede und jeder den Baum als diejenige Persönlichkeit wahrnehmen, welche sich ihm erschliesst.

STARKE PERSÖNLICHKEITEN

Bäume treten auch deshalb als Persönlichkeiten in Erscheinung, weil sie Kontakt aufnehmen. Weil sie in Beziehung treten. Sie leben in Symbiose und Partnerschaft mit Pilzen, Moosen, Flechten und Epiphyten. Sie bieten Vögeln, Insekten und anderen wilden Tieren Unterschlupf und Nahrung. Sie kommunizieren untereinander mit Duftbotschaften. Bäume sind aber keine «Gutmenschen». Sie können auch herrschsüchtig sein, andere verdrängen, anderen Arten vor dem Licht stehen oder das Wasser abgraben. Es gibt sogar Bäume, die schmarotzen, die Schlimmste ist die Würgefeige, die ihre feinen Triebe von oben nach unten abseilt, in der Erde verankert, ihre Triebe nähren und anschwellen lässt und den Baumwirt gnadenlos erwürgt.

Den Bäumen gelingt es auch, mit uns Menschen zu kommunizieren. Als Kind hatte ich auf dem Schulgelände einen Baum, der mein Freund war. Ich nannte ihn einfach «Baum», wusste nicht einmal, was er für ein Baum war. Er war aber defi nitiv männlich, und ich ging zu ihm, wenn ich ihn Not war, wenn ich wütend war, mich aber beherrscht zeigen wollte. Auch wenn ich mich einsam fühlte. Ich stand vor ihm, strich über seine Rinde, manchmal lehnte ich mich an ihn. Gestärkt, getröstet und entschlossen ging ich nach wenigen Minuten in mein Leben zurück, er hatte die schwere Last abgenommen.

In einem Wald fühle ich mich niemals einsam. In einem Land ohne Bäume hingegen ist die Einsamkeit kaum zu ertragen. Bäume sind Persönlichkeiten, jeder Baum ein Mikrokosmos. Da das «Abfallprodukt» ihres Stoffwechsels Sauerstoff ist, dienen sie ganz besonders den Menschen in Städten und sind deshalb unbedingt schützenswert. Doch nicht nur, weil sie nützlich sind, sondern weil ihre Schönheit und ihre Vielfalt unser Leben unendlich bereichern und verzaubern.

Zur Autorin

Yvonn Scherrer, die seit frühester Kindheit blind ist, studierte Theologie und Journalistik. Sie arbeitet als Redaktorin bei Radio SRF 1 und als Aromaberaterin in ihrem Duftatelier. Yvonn Scherrer ist Bernerin und lebt in Zürich.

Böimig – Ein Lebensbuch

Bäume wachsen uns ans Herz. Viele Menschen haben eine persönliche Beziehung zu ihrem Lieblingsbaum. Auf geheimnisvolle Weise sind die stillen Bäume, die sich nicht bewegen können, mit uns mobilen Menschen verbunden. Der Baum ist uns in vielem Beispiel und Vorbild. So verwurzelt und aufrecht wie ein Baum wären noch manche gern. Yvonn Scherrers Buch ist eine Liebeserklärung an die Bäume. An das einzigartige Wesen von Linde, Apfelbaum, Ginkgo und weiteren 37 Baumpersönlichkeiten.

Die blinde Autorin fasst das beredte Schweigen der Bäume in Worte und gibt diesen faszinierenden Pflanzen ein Gesicht. Ihren inneren Bildern stehen Zeichnungen des Ateliers Bundi gegenüber.




Yvonn Scherrer
Böimig – Ein Lebensbuch
96 Seiten mit 40 Zeichnungen, CHF 29.00
Cosmos Verlag, ISBN 979-3-305-00464-5
Weitere Infos: www.yvonnscherrer.ch 

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