Naturzyt 2019 3

Natur erfahren: Wissenswertes über Wildtiere

Braunbär in der Schweiz

Wolf, Luchs und Bär sind zurück in der Schweiz

Wolf, Luchs und Bär sind zurück in der Schweiz und sorgen für Gesprächsstoff. Die einen heissen die Grossraubtiere mit offenen Armen willkommen, andere wünschen sie, wie in früheren Zeiten, in die ewigen Jagdgründe. Doch wer sind Bär, Luchs und Wolf, und ist ein Zusammenleben mit ihnen möglich? Eine Annäherung. 

M13 ist tot. Die Nachricht verbreitete sich am 19. Februar 2013 wie ein Lauffeuer. Kaum aus dem Winterschlaf erwacht, erteilten die Behörden die Abschussbewilligung für den jungen Bären. Die Emotionen gingen hoch. Die einen applaudierten, andere waren empört, von den Umweltverbänden hagelte es Kritik. Dazwischen standen die Behörden und versuchten zu erklären. M13 sei den Menschen zu nahe gekommen, hätte zu wenig Scheu gezeigt und wäre vielleicht irgendwann gefährlich geworden. Für sie Grund genug, die Notbremse zu ziehen – und nach JJ3 den zweiten von insgesamt sechs oder sieben Bären zu erlegen, die seit 2005 zurückgekehrt sind.

Wolf, Luchs und Bär - die neuen Schweizer

Die Schweiz tut sich schwer im Umgang mit den Grossraubtieren. Das zeigt sich nicht nur, wenn ein Wolf, ein Bär oder ein Luchs offiziell abgeschossen wird, sondern auch dann, wenn sie Nutztiere reissen, sich in der Nähe von Siedlungen zeigen, Nachwuchs zur Welt bringen oder „zu viele“ Wildtiere erbeuten. Im Zentrum steht jeweils die Frage: Wollen wir Grossraubtiere? Und wie gestalten wir das Zusammenleben?

Für Wolf, Luchs und Bär stellt sich die Frage nicht; die Schweiz gehört seit jeher zu ihrem natürlichen Lebensraum. Doch im 19. Jahrhundert ging es ihnen an den Kragen. Nachdem man ihnen durch übermässige Abholzung und unkontrollierte Jagd die Lebensgrundlage entzogen hatte, waren sie gezwungen, sich an die Nutztiere zu halten. Damit war ihr Schicksal besiegelt: Vor gut 100 Jahren waren Luchs, Wolf und Bär ausgerottet, 1904 fand der letzte freilebende Bär den Tod. 

Seit letztem Sommer hat die Schweiz in der Bünder Calanda ihr erstes Wolfsrudel, der Wolf ist in den 90er-Jahren zurückgekehrt. (Foto GTMedia)

Von Italien in die Schweiz

Als erster ist der Luchs zurückgekehrt. 1971 wurden im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojekts Tiere frei gelassen. Heute leben zwischen 100 und 150 Individuen in den waldreichen Regionen des Jura, der westlichen Alpen und der Ostschweiz. Sie sind Einzelgänger und bewohnen Reviere von bis zu 300 Quadratkilometern. Auf ihrem Speisezettel stehen Rehe und Gämsen, vereinzelt reissen sie Schafe und Ziegen aus ungeschützten Herden. 

Der Wolf wanderte Ende der 90er-Jahre aus Italien in die Schweiz ein. Dort hatte sich stets eine kleine Population gehalten, und nachdem die Tiere 1976 unter Schutz gestellt worden waren, erholte sich der Bestand sukzessive. Da ein Wolfsrudel etwa 200 Quadratkilometer Revier beansprucht und Jungtiere den Verband verlassen, war es eine Frage der Zeit, bis dass die ersten Wölfe den Weg in die Schweiz fanden. Im Gegensatz zum Luchs leben Wölfe in Gemeinschaft, sieben bis acht Tiere bilden ein Rudel. Dessen wichtigste Aufgabe ist der Schutz und die Aufzucht der Jungen. Wölfe richten ihre Nahrung nach deren Verfügbarkeit. Sie reissen Hirsche, Gämsen, Rehe, Wildschweine und kleinere Tiere, ernähren sich bisweilen von Früchten, Aas oder Abfällen und schlagen in ungeschützten Schaf- und Ziegenherden Beute. Derzeit leben rund 10 bis 15 Wölfe in der Schweiz, 2012 hat sich in der Bündner Calanda das erste Rudel gebildet.

Die scheue Raubkatze wurde in den 70er-Jahren wieder angesiedelt. Rund 150 Tiere leben im Jura, in den Westschweizer Alpen und in der Ostschweiz. (Foto Christian Schmalhofer)

Als letzter ist 2005 der Braunbär zurückgekehrt. Im italienischen Trentino läuft seit einigen Jahren ein Wiederansiedlungsprojekt. So kommt es, dass wanderfreudige Jungbären den Weg in die Südbündner Täler finden. Der Bär ist ein Allesfresser, er ernährt sich zu drei Vierteln vegetarisch und zum Rest von Tieren. Und er ist lernfähig. Merkt er, dass in der Nähe von Menschen einfach Futter zu holen ist, verlieren gewisse Tiere ihre Scheu und kehren stets zu diesen Quellen zurück. Im Val Müstair, wo der Bär regelmässig auftaucht, hat man gelernt und ein bärensichereres Abfallkonzept umgesetzt. In anderen Tälern, zum Beispiel im Puschlav, wo M13 lebte, fehlt dieses.

Schutzmassnahmen zeigen Erfolg 

Die Schweiz muss den Umgang mit den Grossraubtieren wieder lernen. Nachdem sie Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet waren, hatte man aufgehört, sich selber adäquat zu verhalten und die Nutztiere zu schützen. Bär, Wolf und Luchs trafen deshalb bei ihrer Rückkehr auf einen gedeckten Tisch und machten in ungeschützten Herden und Bienenstöcken einfach Beute. Heute weiss man dagegen vorzugehen. Herdenschutzhunde, Elektrozäune und eine ständige Behirtung der Herden sind sehr erfolgreich, ebenso bärensichere Abfalleimer und Komposthaufen. Doch die Massnahmen sind teuer, die öffentliche Hand deckt nur einen Teil der Kosten. Entschädigt werden hingegen Risse in Nutztierherden. Beim Bund laufen Bestrebungen, künftig mehr Mittel für den freiwilligen Herdenschutz bereit zu stellen. Dieser ist bis heute auf gut einem Drittel der Alpen umgesetzt. 

Herdenschutzhunde schützen Schafe und Ziegen wirkungsvoll vor Raubtierangriffen. Bei richtigem Verhalten sind Begegnungen von Mensch und Hund unproblematisch. (Foto Agridea)

Umstrittener Schutzstatus

Gewisse Alpen lassen sich aber nur schwer schützen, andernorts wehren sich die Betroffenen und fordern stattdessen den konsequenten Abschuss der Grossraubtiere. Doch Luchs, Bär und Wolf sind streng geschützt. Der Bund sieht Abschüsse nur vor, wenn in geschützten Herden übermässige Schäden entstehen oder ein Raubtier in einer Gegend neu auftaucht. Die Politik versucht jedoch, den Schutzstatus aufzuweichen und Abschüsse einfacher zu ermöglichen.

Durchgesetzt haben sich bereits die Jäger. Die revidierte Jagdverordnung von 2012 ermöglicht die Regulation von Grossraubtieren, wenn diese in einem Gebiet zu viele Wildtiere jagen. Grundsätzlich machen Grossraubtiere Beute bei kranken, schwachen, alten oder verletzten Tieren und tragen so zu gesunden Wildtierbeständen bei. Durch ihre Anwesenheit ist das Wild aber aufmerksamer geworden, was die Jagd erschwert. 

Keine Gefahr bei richtigem Verhalten

Für den Menschen stellen Wolf, Luchs und Bär keine Gefahr dar. Die Tiere sind sehr scheu, Begegnungen selten. Wie jedes andere Tier können sie aber angreifen, wenn sie verletzt sind, man seinen Jungen zu nahe kommt oder sie in die Enge getrieben werden. Die Tiere sollen nicht angefüttert werden, damit sie ihre Scheu behalten. Problemlos verlaufen sollte auch die Begegnung zwischen Menschen und Herdenschutzhund, wenn man sich richtig verhält. Ruhig bleiben, Provokationen vermeiden, die Hunde nicht berühren und keinen Augenkontakt herstellen, sich langsam entfernen und die Herde grossräumig umgehen lauten die Regeln. Eigene Hunde soll man frühzeitig an die Leine nehmen und eng bei sich führen.

Die Erfahrung, auch aus anderen Ländern, zeigt: Wenn wir wollen, ist das Zusammenleben mit Wolf, Luchs und Bär möglich. Wichtig ist aber, dass wir uns mit den Grossraubtieren auseinandersetzen, uns über sie informieren und dass die Diskussion rund um ihre Anwesenheit auf einer sachlichen Ebene und frei von Vorurteilen abläuft. Wolf, Luchs und Bär sind Teil der einheimischen Natur. Genau wie wir.

 

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