Naturzyt 2019 3

Natur erfahren: Wissenswertes über Wildtiere

Fischotter im saftigen Gras

Fischotter: Die heimliche Rückeroberung

Sie kehren langsam zurück: Nachdem die Fischotter in der Schweiz jahrelang als ausgerottet galten, mehren sich nun die Anzeichen für die natürliche Wiederansiedlung des scheuen Wassermarders.

In seiner Erzählung «Die Rückeroberung» beschreibt Franz Hohler, wie die Natur sich die Stadt Zürich zurückerobert: Ein Adler lässt sich auf einer Fernsehantenne nieder, ein riesiges Rudel Hirsche trabt durch die Strassen, und Wölfe versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Nicht ganz so krass, dafür aber in der Realität, findet im Moment in aller Heimlichkeit tatsächlich eine Rückeroberung statt: Der Fischotter kehrt langsam in die Schweiz zurück.

Das Wasser ist sein Element - auch wenn junge Fischotter das am Anfang nicht immer einsehen wollen.

OPFER VON GESETZ UND PLASTIK

Vor rund 130 Jahren lebten Fischotter – auch Wassermarder genannt – an fast allen Gewässern in der Schweiz. Doch als Fischfresser wurden die Tiere als «fischereischädlich» eingestuft und sollten deshalb ausgerottet werden. Eine Änderung des Fischereigesetzes sorgte 1888 für die nötige gesetzliche Grundlage. In der Folge wurden Kurse zur Fischotterjagd angeboten, staatliche Fischotterjäger eingesetzt und für das Erlegen von Fischottern wurden Prämien ausbezahlt. Nachdem die jährlichen Jagdstrecken immer drastischer zurückgegangen waren, erreichten Naturschützer 1952, dass der Fischotter unter Schutz gestellt wurde. Doch es war bereits zu spät: 1989 galt der Fischotter in der Schweiz als ausgestorben. Die jahrelange Verfolgung war wohl nicht die einzige Ursache für das Aussterben des Fischotters in der Schweiz. Auch die Belastung der Gewässer durch polychlorierte Biphenyle (PCB) war mitverantwortlich. PCB sind chemische Verbindungen, die in Plastik vorkommen und sich in der Nahrungskette ansammeln. So waren die Fische mit tausendfach zu hohen Werten belastet. Nochmals tausendfach höhere Konzentrationen wurden beim Fischotter festgestellt. Dies führte dazu, dass die Weibchen unfruchtbar wurden. Ein weiterer Faktor für das Aussterben der Tierart dürft e im Verlust ihres Lebensraums zu suchen sein, denn durch das Verbauen von Fliessgewässern, das Trockenlegen von Feuchtgebieten und den Bau von Wasserkraft werken wurde dem Fischotter die Lebensgrundlage entzogen.

Nase, Augen und Ohren in einer Linie knapp über der Wasseroberfl äche – so kann der Fischotter hören, sehen und riechen, ohne den Kopf weit aus dem Wasser heben zu müssen.

IM TRÜBEN FISCHEN

Fischotter fühlen sich am wohlsten in sauberen, fischreichen Gewässern. Ob es sich dabei um einen See, einen Fluss, einen Bach oder ein Sumpfgebiet handelt, ist nicht ausschlaggebend. Wichtig ist, dass genügend Nahrung vorhanden ist und sie gut erreichbar ist. So bevorzugen Fischotter vor allem Flüsse und Bäche, denn hier können sie die Fische in ihren Verstecken gut aufstöbern und verfolgen. In Seen hingegen können die Fische ins tiefe Wasser fliehen, wohin der Fischotter ihnen nicht folgen kann. In den Seen jagen die Fischotter deshalb vor allem in den Flachwasserzonen.

Mit seinem stromlinienförmigen und beweglichen Körper ist der Fischotter optimal an die Unterwasserjagd angepasst. Der dicke und muskulöse Schwanz dient sowohl dem Antrieb als auch als Ruder. Um zu beschleunigen, führt der Fischotter vertikale, wellenförmige Bewegungen mit dem Vorderkörper aus, ähnlich wie Delfine. Die Pfoten sind mit Schwimmhäuten ausgerüstet. Schwimmt ein Fischotter an der Wasseroberfläche, ist nur die obere Hälfte seines Kopfs sichtbar. Nase, Ohren und Augen befinden sich alle auf gleicher Höhe. So kann der Fischotter gleichzeitig, sehen, hören und riechen, ohne seinen Kopf weit aus dem Wasser heben zu müssen. Taucht das Tier, schliessen sich Ohren und Nase hermetisch ab. Die Augen bleiben geöffnet, denn in klarem Wasser kann der Fischotter – dank einer Krümmung der Augenlinse – gut sehen. In der Nacht oder in trübem Wasser verlässt sich der Fischotter nicht mehr auf seine Augen, sondern auf seine empfindlichen Tasthaare. Mit diesen kann er die Vibrationen wahrnehmen, die ein fliehender Fisch verursacht, und kann ihn so aufspüren. Obwohl der Fischotter sieben Minuten lang unter Wasser bleiben kann, dauern seine Tauchgänge meist nur wenige Sekunden. Drei bis fünf Stunden täglich verbringt er so auf der Jagd. Trotz ihres Namens leben Fischotter nicht von Fisch allein: Auf dem Speisezettel können durchaus auch Amphibien, Krebse, Vögel, Reptilien und kleine Säugetiere stehen. Hauptsache, Aufwand und Ertrag stehen in einem guten Verhältnis zueinander.

Nomen est omen: Fische sind die Hauptnahrung des Fischotters.

WASSERSCHEUE FISCHJÄGER

Der Lebensraum des Wassermarders sollte nicht nur sauber und fischreich sein, sondern auch Rückzugsmöglichkeiten bieten. Dazu gehören etwa Sträucher, Bäume, Wurzeln, Röhricht oder dicht bewachsene Ufer. Hier findet der Fischotter gut geschützte Schlaf- und Ruheplätze. Manchmal nutzt er auch einen ufernahen Fuchs- oder Dachsbau. Der Fischotter ist durchaus in der Lage, einen eigenen Bau zu graben. Diesen legt er in einer Uferböschung an, und zwar so, dass sich der Eingang unter der Wasseroberfläche befindet. Ein Luftschacht führt frische Luft in die Schlafkammer, die immer schön trocken bleibt, da sie über der Hochwassergrenze liegt. Im Bau kommen auch die zwei bis drei Jungen zur Welt, die bei ihrer Geburt noch blind sind und kaum schwerer als eine Tafel Schokolade. Im Alter von etwa zehn Wochen dürfen sie den Bau zum ersten Mal verlassen und Bekanntschaft schliessen mit dem Wasser. Allerdings verlaufen die ersten Begegnungen mit dem kühlen Nass nicht immer reibungslos. So gibt es Jungtiere, die wasserscheu sind und von der Mutter ins Wasser gezerrt werden müssen, worauf sie immer wieder versuchen, ans Ufer zurückzuschwimmen. Doch selbst dann, wenn die Jungtiere sich ans Wasser gewöhnt haben, sind für sie die Anfänge des Fischotterlebens nicht ganz einfach: Ihr flauschiges Fell ist derart voller Luft , dass es den Kleinen schwerfällt zu tauchen, da sie wie Bojen an die Wasseroberfläche getrieben werden.

Das dichte Fell des Fischotters isoliert hervorragend gegen Wasser und Kälte

HAARIGER NEOPRENANZUG

Das Fell, das anfänglich etwas hinderlich erscheint, ist für den Fischotter aber überlebenswichtig. Es ist nämlich so wasserdicht wie ein Neoprenanzug. Dafür sorgt ein dichtes Geflecht aus Haaren, die miteinander verzahnt sind. Die Dichte der Haarpracht erscheint fast unglaublich: 50 000 Haare – pro Quadratzentimeter, wohlgemerkt! Die äusseren Haare sind ölig und wasserabweisend, die seidenweiche Unterwolle wärmt dank isolierenden Luftkammern zwischen den Härchen. Dank dieser wirkungsvollen Isolation gegen Nässe und Kälte kann sich der Fischotter stundenlang im Wasser aufhalten, ohne nass zu werden oder zu frieren. Ja, selbst im tiefsten Winter bleibt er aktiv und kann im eisigkalten Wasser auf die Jagd gehen. Kein Wunder, wurden die wasserabweisenden und wärmenden Otterfelle im 19. Jahrhundert sehr geschätzt als Mützen oder Kragen auf Mänteln.

Der Körper des Fischotters ist optimal an die Unterwasserjagd angepasst (Zooaufnahme)

Doch die Zeiten, in denen der Wassermarder verfolgt wurde, sind glücklicherweise vorbei. Die Anzeichen für eine selbstständige Rückkehr des Fischotters in die Schweiz mehren sich. Von der österreichischen Steiermark oder dem französischen Savoyen, wo sich die Fischotterpopulationen erholen und ausbreiten, ist es ein Katzensprung in die Schweiz. Erste Vorboten einer natürlichen Wiederbesiedlung wurden 2009 festgestellt, als ein Fischotter von einer Videokamera festgehalten wurde, welche die Fischtreppe im Bündner Kraftwerk Reichenau überwachte. Seither wurden Fischotter bei Genf, im bündnerischen Domleschg, in der oberen Leventina und in der Aare bei Bern nachgewiesen. Bei Bern konnte durch ein Netz von Kamerafallen, die dem Bibermonitoring dienen, sogar zweimal ein Wurf von Jungtieren festgestellt werden. Es scheint, dass die Fischotter in der Schweiz wieder Bedingungen vorfinden, die ihnen das Überleben ermöglichen: Die PCB-Werte sind gesunken und die Gewässer sauberer, was den Fischen und damit auch den Fischottern zugutekommt. Allerdings liegen erst Einzelbeobachtungen vor, bis zu einer stabilen Fischotterpopulation in der Schweiz ist es noch ein weiter Weg. Aber wer weiss, vielleicht muss Franz Hohler in einigen Jahren seine Erzählung erweitern und beschreiben, wie Fischotter munter am Zürcher Limmatquai auf- und abtauchen oder im Berner Marzilibad mit den Badenden um die Wette schwimmen…

Text Claudia Wartmann Fotos Fotolia

Fischotter beobachten

Einen wildlebenden Fischotter leibhaftig zu sehen, ist sehr schwierig. Selbst Forscher bekommen die scheuen Tiere nur selten zu Gesicht. Denn Fischotter lassen sich kaum blicken, sie leben sehr heimlich, verstecken sich tagsüber und gehen in der Dämmerung auf die Jagd unter Wasser. Nachweise für die Anwesenheit von Fischottern gelingen deshalb meist nicht durch Beobachtung, sondern durch Spuren. Das deutlichste Anzeichen ist der Kot: Er ist meist schwarz, kann Gräte, Fischschuppen oder kleine Knochen enthalten und ist häufig auf Steinen oder unter Brücken zu finden. Andere Spuren wie Trittsiegel oder sogenannte «Ottersteigen» (Stellen, an denen die Tiere zum Wasser gehen oder herauskommen) sind eher selten zu entdecken.
Trotzdem ist es möglich, in der Schweiz Fischotter zu beobachten, zum Teil sogar unter Wasser. Folgende Zoos und Tierparks halten die Tiere in naturnahen Gehegen:

  • Zoo Zürich
  • Wildnispark Zürich, Sihlwald
  • Tierpark Dählhölzli Bern
  • Natur- und Tierpark Goldau
  • Gemeinde Männedorf

Die Stiftung Pro Lutra setzt sich für den Fischotter in der Schweiz ein, indem sie die Situation in der Schweiz ermittelt, wissenschaftliche Studien zu Lebensraumbedingungen unterstützt und Massnahmen prüft , welche eine Rückkehr des Fischotters ermöglichen könnten. Auf der Website www.prolutra.ch finden sich spannende Infos zur Biologie sowie Neuigkeiten über aktuelle Nachweise von Fischottern.

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