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Naturzyt 2019 3

Natur erfahren: Wissenswertes über Wildtiere

Der Tannenhäher - ein gefiederter Förster

Der Tannenhäher - ein gefiederter Förster

Ohne Arven gäbe es wohl keine Tannenhäher. Und ohne Tannenhäher weniger Arven. Beide sind aufeinander angewiesen: Die besondere Beziehung zwischen einem Vogel und einem Baum.

«Schlimmer Räuber», «unmöglicher und gefrässiger Geselle», «elendes Pack» – mit solchen und anderen Schimpfwörtern wurde der Tannenhäher einst beschrieben. Der Vogel mit dem schwarz-braunen, weiss getüpfelten Gefi eder galt als Schädling, der alle Arvennüsschen frisst und so den Arvenwäldern schwere Schäden zufügt. Zehntausende von Franken wurden als Abschussprämien ausbezahlt.

Tannenhäher als Gärtner

Tatsächlich waren um 1900 die Arvenbestände in den Alpen stark dezimiert oder gar verschwunden. Schuld daran waren aber nicht die Tannenhäher, sondern die Menschen: Sie rodeten die Wälder, um Weideland zu gewinnen, nutzten das aromatisch duft ende Arvenholz für Möbel, Wandtäfer oder als Brennholz und sammelten sackweise Arvennüsschen als kalorienhaltige Abwechslung ihrer sonst kargen Kost im Winter. Diese intensive Nutzung konnte die Arve nicht wettmachen, denn sie wächst äusserst langsam und trägt erst im Alter von etwa fünfzig Jahren erstmals Zapfen. Diese Zapfen öffnen sich nicht von selber, um die Samen freizugeben, und die Samen sind gross, relativ schwer und haben keine Flügel wie die anderer Nadelbäume. Die Arve kann also ihre Samen nicht dem Wind als «Luft fracht» anvertrauen, um sie zu verbreiten. Zudem sind die Bedingungen auf der Oberfläche für die Samen nicht optimal, um keimen zu können – sie benötigen eine gewisse Bodentiefe als Keimbett. Wie also kann die Arve sich überhaupt fortpflanzen? Aufmerksam beobachtende Förster fanden des Rätsels Lösung: Es ist der Tannenhäher, der den Samen Flügel verleiht und die Rolle des Gärtners übernimmt.

Ein Arvenzapfen in der Zapfenschmiede: Hier hat ein Tannenhäher mit seinem Schnabel die Samen aus ihrer Schale gemeisselt.

Die guten ins Köpfchen

Der einst verunglimpfte und verfolgte Rabenvogel ernährt sich zu einem grossen Teil von den Samen der Arve. Er holt sich die violett schimmernden Zapfen aus den Wipfeln der Bäume und transportiert sie zu einer Zapfenschmiede. Diese besteht aus einer Astgabel oder einer Felsspalte, in die der Tannenhäher den Zapfen einklemmt, oder aus einem Baumstrunk, auf dem er den Zapfen wie auf einer Werkbank bearbeiten kann. Mit seinem kräft igen Schnabel meisselt er die Schuppen vom Zapfen weg, um an die Nüsschen zu gelangen. Diese verstaut er in seinem Kehlsack, einer dehnbaren Hautfalte, die dem Tannenhäher als Tragtasche dient. Vierzig bis sechzig Nüsschen packt er in seinen Kehlsack, um sie zu einem Versteck zu transportieren. Doch ein Arvenzapfen enthält ungefähr zehn Prozent taube Nüsschen. Mit denen will der Tannenhäher natürlich nicht herumfliegen und dadurch kostbare Energie und Zeit verschwenden. Also sortiert er die tauben Nüsschen bereits an der Schmiede aus. Er erkennt sie an der helleren Farbe der Schale und am geringeren Gewicht. Zudem schüttelt er die Nüsschen im Schnabel ein paar Mal hin und her, um ganz sicher zu gehen, dass keine taube Nuss darunter ist.

Arven sind an das raue Klima in den Alpen angepasst. Sie können bis 1000 Jahre alt werden.

Gut versteckt

Mit dem Kehlsack voller Arvennüsschen sucht der Tannenhäher dann geeignete Verstecke auf. Dies können Baumstrünke sein, Wurzeln, grössere Steine oder Felsblöcke, also auffällige Geländemarken, bei denen im Winter weniger Schnee liegt. Hier hackt er mit wenigen Schnabelhieben eine Vertiefung in den Boden, legt zwei bis zwölf Arvennüsschen hinein und deckt das Versteck sorgfältig mit Streu und Flechten zu. Auf diese Weise deponiert der Tannenhäher in guten Zapfenjahren bis zu 100 000 Nüsschen in etwa 20 000 Verstecken! In schlechten Zapfenjahren sind es immer noch schätzungsweise 47 000 Nüsschen in 10 000 Verstecken. Wenn nach der «Erntezeit» der Winter Einzug hält, meterhoher Schnee und tiefe Temperaturen den Tieren zu schaffen machen, ist der Tannenhäher gewappnet. Er braucht nicht wie zahlreiche andere Vogelarten in tiefere Lagen auszuweichen oder in wärmere Gefilde zu ziehen, sondern kann von seinen Vorräten zehren. Zielsicher gräbt er mit Schnabel und Krallen tiefe Tunnel in den Schnee, um an seine Verstecke zu gelangen. Die Erfolgsquote ist beachtlich: Etwa achtzig Prozent seiner Verstecke findet der Tannenhäher auf Anhieb wieder. Dies ist umso bemerkenswerter, als sich die tiefverschneite Landschaft im Vergleich zu den anderen Jahreszeiten völlig verändert hat. Eine unglaubliche Leistung des Vogels, der offenbar über ein exzellentes räumliches Erinnerungsvermögen verfügt. Forscher vermuten, dass der Tannenhäher die Nüsschen nicht nach einem bestimmten Schema versteckt, sondern sich an optischen Merkmalen der Landschaft orientiert – an Felskuppen, Arvenstämmen, auffälligem Totholz.

Dank seines räumlichen Vorstellungsvermögens findet der Vogel die meisten seiner Verstecke wieder - selbst unter dem Schnee.

Das phänomenale Langzeitgedächtnis ist für den Tannenhäher überlebenswichtig. Nur so kann er den langen und strengen Winter in den Bergen überleben. Über hundert Arvennüsschen muss er in dieser Zeit jeden Tag zu sich nehmen. Immerhin gehören die Arvensamen, die den Pinienkernen ähneln, zu den energiereichsten Samen unserer Wälder. Mit ihren rund 680 Kilokalorien pro 100 Gramm lassen sie sogar Schokolade hinter sich.

Früh übt sich

Dank der ergiebigen Vorräte ist der Tannenhäher unabhängig von der Witterung und kann schon früh mit dem Brutgeschäft beginnen. Wenn im März oder April die Jungen schlüpfen, werden sie mit Arvensamen gefüttert, aber auch mit eiweissreicher tierischer Ergänzungskost wie Käfern, Raupen, Würmern oder Vogeleiern versorgt. Dank des frühen Brutgeschäft s haben die Jungen genügend Zeit, im Frühsommer eine dreimonatige «Lehre» bei ihren Eltern zu absolvieren, um von ihnen zu lernen, wie man Arvennüsschen knackt und hortet. So sind sie im Spätsommer bereit, selbstständig Arvennüsschen zu ernten und Vorräte anzulegen. Da der Tannenhäher «nur» rund achtzig Prozent seiner Verstecke plündert, bleibt ein schöner Rest an Arvennüsschen im Boden, die zwischen Mai und Juli zu keimen beginnen. Auf diese Weise sorgt der schlaue Rabenvogel dafür, dass die Arve sich ausbreiten kann, sogar an und über der Baumgrenze. Hier kann die Arve konkurrenzlos gedeihen, wenn auch unter schwierigen Bedingungen. Bis vor kurzem wurde dem Tannenhäher uneingeschränkte Wertschätzung zuteil für seinen wertvollen Beitrag zur Verjüngung der Arvenbestände. Doch neuste Untersuchungen zeigen, dass die Samenverstecke dem gefiederten Förster mehr nützen als der Arve. Forscher des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums sowie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft haben nämlich herausgefunden, dass der Tannenhäher die Samen ausgerechnet dort versteckt, wo sie nicht besonders gut keimen können. Arvensamen brauchen feuchten Boden und viel Licht, um keimen zu können. Doch der Tannenhäher versteckt sie vorzugsweise dort, wo der Boden trocken ist und ein dichtes Kronendach wenig Licht durchlässt.

40 bis 60 Arvennüsschen kann der Tannenhäher in seinem Kehlsack verstauen.

Was für die Arve suboptimal ist, macht für den Tannenhäher durchaus Sinn. Denn wenn die Samen nicht keimen, sind sie länger als Nahrung verfügbar. In einem schlechten Zapfenjahr ist der Tannenhäher auf früher angelegte Depots angewiesen. Solange die Samen nicht keimen, stehen sie ihm als Nahrung zur Verfügung. Auch wenn also der Tannenhäher die Arvennüsschen an Orten versteckt, die für die Keimung nicht unbedingt geeignet sind, hat er doch einen wesentlichen Anteil an der Verjüngung der Arvenbestände. Würde er die Samen im Herbst nicht vergraben, würde ihre Keimfähigkeit deutlich reduziert: Bleiben die Zapfen in den Baumwipfeln hängen, trocknen die Nüsschen möglicherweise aus, liegen sie am Boden im Schnee, drohen sie zu verfaulen. In den Häherverstecken im Boden sind die Bedingungen trotz allem besser, sodass doch einige Samen keimen können. Ganze Büschel junger Arven zeugen von der eifrigen Tätigkeit des gefiederten Försters. Freuen wir uns also an den charakteristischen Nadelbäumen in unseren Alpen und danken dem Tannenhäher dafür, dass er die Arven bei der Verjüngung so tatkräftig unterstützt!

Text Claudia Wartmann
Fotos Eike-Lena Neuschulz, Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum


Schon gewusst?

Arvenzapfen sind nicht leicht zu knacken.

Der Tannenhäher heisst mit lateinischem Namen Nucifraga caryocatactes. Der erste Namensteil ist zusammengesetzt aus lateinisch nux (Nuss) und frangere (brechen). Der zweite Namensteil ist griechischen Ursprungs und zusammengesetzt aus karuon (Nuss) und katagnumi (brechen). Der Tannenhäher ist also ein doppelter «Nussknacker». Im Französischen und Englischen wird der Vogel ebenfalls Nussknacker genannt (cassenoix moucheté bzw. nutcracker). Der deutsche Name «Tannenhäher» ist biologisch nicht ganz korrekt, denn der Vogel hat mit Tannen nicht viel am Hut – er ernährt sich vorwiegend von den Samen der Arve, die keine Tanne ist. Das Wort «Häher» bedeutet ursprünglich «Schreier», was für das durch dringende «krrrrääh, krrrrrääh» des Rabenvogels eine durchaus zutreffende Beschreibung ist.

Der Tannenhäher ziert das Signet des Schweizerischen Nationalparks: Dank seiner Ernährungsstrategie und seiner besonderen Beziehung zur Arve ist er zum Sinnbild für das ganzheitliche und komplexe Zusammenspiel der Natur geworden. Zum Hundert-Jahr-Jubiläum des Nationalparks hat die Schweizerische Post 2014 eine Brief marken serie herausgegeben, auf der neben Mauswiesel, Murmeltier und Rothirsch auch der Tannenhäher abgebildet ist.

Die Arve (Pinus cembra) wächst vor allem in den Zentralalpen im Bereich der Waldgrenze, wo sie widrigen Lebensbedingungen trotzt. Sie erträgt Temperaturen bis minus 45 Grad. Blitzschläge oder schwere Schneelasten brechen oft Äste und Wipfel ab, was den zähen Baum aber nicht am weiteren Wachstum hindern kann. So wachsen ausgeprägte «Charakterbäume» heran, die bis tausend Jahre alt werden können. Die Nadeln der Arve stehen in biegsamen Büscheln zu je fünf Nadeln, wodurch sie sich von anderen Nadelbäumen leicht unterscheiden lässt.

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