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NATURZYT-Ausgabe März 2021

Gespräche mit Tieren, was hätten unsere Wildtiere uns zu sagen?

Brachkäfer Illustration

Tierisch gutes Gespräch mit Gunnar Brachkäfer

Sattes Brummen erfüllt das abendliche Dämmerlicht. Im Sommer fliegen sie in Schwärmen auf Brautschau umher. Sie gehören der Art der Scarabaeidae an, also der Götterkäfer des alten Ägyptens, und sind nahe mit den Maikäfern verwandt. Viele Menschen ekeln sich vor ihnen oder fürchten sich gar. Dabei sind sie harmlos, die kleinen, braunen Torkelflieger – unsere Junikäfer.
Wenn man gedanklich feststeckt und nicht mehr weiterkommt, tut es manchmal gut, einfach rauszugehen und sich an der frischen Luft von Mutter Natur inspirieren zu lassen. So war ich dann eines Abends dank einer Schreibblockade in der Dämmerung unterwegs. Gleich hinter unserer Redaktion, wo Felder und Waldrand zu einem abendlichen Spaziergang einluden. Währendich so dahinspazierte, hörte ich plötzlich ein sattes Brummen, das schnell lauter wurde. Urplötzlich knallte etwas fast gegen meinen Kopf. Erst dachte ich, es wäre ein Versehen, aber nein, der Käfer kam immer wieder auf mich zugesaust. Höchste Zeit, ein Gespräch mit ihm zu suchen.

HALLO, HERR KÄFER, WER BIST DU, WAS TUST DU DENN DA?
Hallo, ich bin Gunnar Brachkäfer, und ich fliege hier herum. Und du, bist du ein Baum?

NEIN, ICH BIN KEIN BAUM. WIE KOMMST DU DENN DARAUF?
Na, du bist so gross, da hab ich gedacht, du seist ein Baum oder so.

NEIN, ICH BIN EIN MENSCH, UND ICH HABE GEDACHT, DU WOLLTEST MICH VIELLEICHT ANGREIFEN UND STECHEN.
Wieso sollte ich dich angreifen, was hätte ich denn davon? Nein, nein. Ich bin zu dir geflogen, weil ich schauen wollte, ob ich bei dir leckere Blätter zu essen finden kann. Ausserdem kann ich gar nicht stechen. Und beissen auch nicht.

NA, DANN TUT ES MIR ABER LEID, ICH HABE KEINE BLÄTTER FÜR DICH. WAS FÜR EINE ART KÄFER BIST DU DENN?
Man kennt mich unter dem Namen Junikäfer, aber eigentlich bin ich ein Gerippter Brachkäfer und gehöre zu den Scarabaeidae, sprich den Blatthornkäfern.

Brachkaefer Interview
Im Gespräch mit NATURZYT

Gunnar Brachkäfer, dämmerungskativer Torkelflieger. Hat Blüten und Blätter zum Fressen gerne. Leibt warme, laue Abende und ist noch auf der Suche nach der Frau fürs Leben.

DAS TÖNT ABER EDEL. SKARABÄEN WURDEN JA IM ALTEN ÄGYPTEN SEHR VEREHRT. DU SIEHST MIR ABER EHER WIE EIN ZU KLEIN GERATENER MAIKÄFER AUS.
Das kommt wohl daher, dass unsere Art sehr nahe mit der des Maikäfers verwandt ist. Aber die altägyptischen Skarabäen stammen von den Mistkäfern ab, welche zwar auch zu unserer Familie gehören, aber total anders leben.

AHA, WIE IST DENN EUER LEBENSZYKLUS SO?
Also, wir leben so zirka 1–2 Monate als Käfer und ernähren uns von Blättern und Pflanzenteilen. In der warmen Zeit im Juni und Juli fliegen wir auf Brautschau umher. Schlauerweise abends in der Dämmerung, dann, wenn die meisten Vögel schon schlafen. Leider ist nur rund ein Drittel von uns weiblich, und deswegen ist es schwer, ein Weibchen zu finden. Ausserdem sind wir nur sehr schlechte Flieger, was nicht an unserer schlechten Sicht in der Dämmerung, sondern an unserem Körperbau liegt und uns neben dem Namen Junikäfer auch den Namen Torkelkäfer eingebracht hat. Wenn wir dann eins gefunden haben, paaren wir uns und kurz danach sterben wir. Das Weibchen legt dann etwa 35 Eier im Boden ab. Unsere Larven ernähren sich von Pflanzenresten und kleineren Wurzeln, bis sie etwa 5 Zentimeter gross sind. Sie überwintern in dieser Zeit zweimal. Im Frühling des dritten Jahres verpuppen sie sich dann und schlüpfen so gegen Anfang Juni als fertige Käfer von zirka 1,5 bis 2 Zentimetern Grösse aus. So beginnt das Lebensrad dann von Neuem.

DAS IST ABER SEHR INTERESSANT. MANCHE MENSCHEN DENKEN JEDOCH, DASS MAIKÄFER UND JUNIKÄFER SCHÄDLINGE SIND, WEIL IHRE ENGERLINGE PFLANZENWURZELN FRESSEN UND SO PFLANZEN ZUM ABSTERBEN BRINGEN KÖNNEN. WAS SAGST DU DAZU?
Das finde ich absolut überhaupt nicht. Es gibt Gras genug, wenn man uns auch etwas Platz lässt. Ausserdem fressen uns Vögel für ihr Leben gerne und Wildschweine sind ganz verrückt nach unseren
Larven. Also haben wir genügend natürliche Feinde, sodass es nicht im Mindesten nötig ist, uns zu vergiften. Wir erfüllen durchaus auch unseren Zweck, indem wir ebenso Pollen von Baum zu Baum bringen wie Bienen. Nicht so bewusst wie diese zwar, aber halt mehr zufällig, weil wir von Baum zu Baum ziehen und somit die an uns haftenden Pollen übertragen. Ausserdem gibt es ja nur etwa alle 3 bis 4 Jahre grosse Schwärme von uns. Ansonsten vertrete ich die Meinung, leben und leben lassen. Das gehört alles in den natürlichen Zyklus.

DAS SIND WEISE WORTE, GUNNAR. ES FREUT MICH, DASS ICH DEINE BEKANNTSCHAFT MACHEN DURFTE, UND HOFFE, DU FINDEST BALD EIN WEIBCHEN, UND BIS DAHIN FLIEGST DU BESSER ZURÜCK ZUR WIESE DORT FINDEST DU GENÜGEND BLÜTEN FÜR EINE GUTE MAHLZEIT.
Ich danke dir, dass du mich nicht niedergeschlagen hast, obwohl ich fast in deinem Gesicht gelandet bin. Es war für mich auch interessant, mal einen Menschen so aus der Nähe erfahren zu dürfen. Ich wünsche dir einen langen, glücklichen und warmen Lebenszyklus.

DANKE, DAS WÜNSCHE ICH DIR AUCH, GUNNAR.

Text, Illustration Virginia Knaus Foto Adobe Stock

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