Naturzyt 2019 3

Natur erfahren: Tierisch gute Gespräche

Karlchen Käfer

Tierisch gutes Gespräch mit Karlchen Käfer

Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch wir sehen die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken, und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?

Eine spannende Idee – sähen wir das Ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. Naturzyt hat sich deshalb entschlossen, neue Wege auszuprobieren und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.
Wir sehen sie im Garten, in Sträuchern sitzend, unter Blütenkelchen lauernd oder über den Rasen fliegend. Viele von uns finden sie ekelig und bekommen eine Gänsehaut, wenn sie diese Viecher mit den dünnen astähnlichen Beinen, den langen Fühlern und den zangenbewehrten Mäulern sehen. Aber wenn wir uns mal die Zeit nehmen und diese kleinen Kerlchen von ganz nahe betrachten,sehen wir, dass sie eigentlich gar nicht so garstig sind. Im Gegenteil. Von Mutter Natur mit allem ausgestattet, was es zum Überleben braucht in dieser winzigen Gestalt. Doch so perfekt gebaut sind sie eigentlich sogar ein Wunder – unsere Variablen Weichkäfer.
Immer wieder begegnete uns auf dem Weg von der Garage durch den Keller in die Redaktion ein kleiner brauner Käfer auf der Treppe bei einem nicht zu öffnenden Fenster. Wo kamen die nur her? Alle Lichtschächte waren mit feinmaschigem Draht bezogen, damit keine kleinen Tiere herunterfallen und verhungern konnten. Vielleicht durch die Garage? Neugierig geworden, beschlossen wir, den nächsten Gast, sofern es wieder einen geben würde, um ein kleines Interview zu bitten. Und siehe da, es geschah tatsächlich kurze Zeit später zum verflixten siebten Mal.
Guten Tag, ich bin Karlchen, der Weichkäfer, willst du mich jetzt tothauen?


UM GOTTES WILLEN. DAS WILL ICH GANZ BESTIMMT NICHT TUN. IM GEGENTEIL. ICH MÖCHTE DICH NACH DRAUSSEN IN DEN GARTEN BRINGEN, DAMIT DU HIER UNTEN NICHT VERHUNGERST.
Ehrlich, das willst du machen? Ganz sicher?

JA, GANZ SICHER. DU KANNST MIR VERTRAUEN. ICH WERDE DICH RAUSBRINGEN UND HOFFE, DU GEWÄHRST MIR DAFÜR EIN KLEINES INTERVIEW.
Ein Interview, mit mir? Du willst mit mir sprechen? Aber ich bin doch gar nicht so interessant.

NA, ICH FINDE SCHON, DASS DU INTERESSANT BIST. VOR ALLEM INTERESSIERT ES MICH, WIESO ICH EUCH STETS IN UNSEREM KELLER FINDE. DU BIST NÄMLICH SCHON ETWA DER FÜNFTE, DEN ICH IN DEN GARTEN RAUSBRINGE. ODER BIST DU ETWA IMMER DER SELBE?
Oh, also ich bin’s nicht gewesen. Ich hab mich lediglich hier hinein verflogen. Tut mir sehr leid. Ich bin durch eine Tür hineingeflogen, und dann war es schon dunkel und kalt, und ich hab schon ein bisschen Angst gehabt erst. Dann habe ich ein Licht gesehen, aber da ging es einfach nicht raus. Die Luft dort war ganz hart, und ich bin einfach nicht nach draussen gekommen. Egal wie oft ich versucht habe, durch diese durchsichtige Luft zu brechen, es ging einfach nicht. Und dann war ich ganz erschöpft, und beim Ausruhen hast du mich erwischt.

DIESE HARTE LUFT NENNT SICH GLAS UND MACHT EIN HAUS DICHT. DA KOMMEN NICHT MAL WIR DURCH, OHNE UNS ZU VERLETZEN.
Tatsächlich, aber erstickt ihr denn da nicht mit der Zeit, so ganz ohne Luft und so?

NEIN, NEIN, ABSOLUT NICHT, WIR HABEN JA AUCH FENSTER, DIE MAN ÖFFNEN KANN. DANN KOMMT GENUG FRISCHE LUFT HEREIN. ABER SAG MAL, WO SOLL ICH DICH DENN AM BESTEN ABSETZEN IM GARTEN? AUF EINER BLUME, DAMIT DU NEKTAR NASCHEN KANNST? ODER LIEBER IRGENDWO AM BODEN ODER IN EINEM BUSCH?
Wenn ich wählen darf, dann gerne unten am Ansatz einer Blüte. Vielleicht an einer Rose oder so. Hast du Rosen im Garten?

JA, WIR HABEN EIN PAAR ROSEN UND AUCH VIELE WILDPFLANZEN. WIESO DENN GERADE BEI EINER ROSE? SCHMECKEN DIE DIR AM BESTEN?
Nein, aber weisst du, meistens hat es dort Ameisennester in der Nähe, und die züchten sich so kleine Läuse, welche sie melken, um deren Nektar zu trinken. Die mag ich sehr gerne.

WAS, DIE AMEISEN ODER DIE LÄUSE ODER ETWA DEREN SAFT?
Ich mag die Läuse, und auch die Ameisen würde ich nicht verschmähen, wobei ich mich nicht gerne mit denen anlege. Die kommen immer in Horden … Gefährliche Viecher, sag ich dir.

AH, DANN BIST DU ALSO KEIN BESTÄUBER UND AUCH KEIN SCHÄDLING, SONDERN EIN NÜTZLING.
Also wie soll ich denn das jetzt verstehen? Dass ihr Menschen immer alles kategorisieren müsst.

TUT MIR SEHR LEID, ICH WOLLTE DICH NICHT BELEIDIGEN. DANN ERKLÄRE MIR DOCH, WIE DU DICH SIEHST, BITTE.
Gerne. Ich bin ein Käfer und esse gerne Läuse und auch andere Insekten. Ich bestäube dabei auch durchaus Pflanzen, denn ich ziehe von Blüte zu Blüte, um dort auf andere Insekten zulauern, also hab ich sicherlich auch Pollen an meinen Füssen, welche ich von Blume zu Blumetrage, also bestäube ich. Ab und an verspeise ich sicherlich eine kleine Biene, von denen gibt’s ja auch ganz winzige, oder einen Marienkäfer, welcher gerne dieselbe Beute wie wir frisst. Also bin ich vielleicht auch ein Schädling. Und unsere Larven, welche aus den von uns gelegten Eiern schlüpfen, jagen gerne Schnecken und Würmer. Andererseits esse ich auch Mücken und Läuse und Spinnentiere. Also bin ich vielleicht auch ein Nützling …

Im Gespräch mit NATURZYT
Karlchen Käfer ist ein fl eissiger Jäger und mag Blattläuse fürs Leben gern. Er sucht noch nach seiner Liebe fürs Leben und macht sich keine Sorgen darüber, was andere über ihn denken.

JA, ICH GLAUBE, ICH VERSTEHE, WAS DU DAMIT MEINST. WIR MENSCHEN SIND JA AUCH NICHT ALLES VEGETARIER, UND WIR HANDELN AUCH NICHT IMMER SEHR «GRÜN». ALSO SIND WIR WAHRSCHEINLICH GENAUSO WIE IHR SCHÄDLINGE UND NÜTZLINGE ZUGLEICH.
Genau, das Leben ist nicht nur immer schwarz und weiss. Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Weisst du, wir haben nur eine sehr kurze Lebensspanne, da wir ja nur von Mai bis August fliegen. Deshalb denken wir nicht darüber nach, ob wir Schädlinge oder Nützlinge sind oder ob wir bestäuben oder nicht. Das ist nicht wichtig. Wichtig ist es, genug zu essen und eine Partnerin zur Fortpflanzung zu finden. Ausserdem dich nicht von einem Vogel oder sonstigen Fressfeind erwischen zu lassen. Uns ist es egal, ob wir dunkelbraun oder hellbraun sind. Wir alle sind ein Teil des Naturkreislaufs und leben damit, ohne immer alles zu hinterfragen oder zu werten. Das tut nur ihr Menschen. Ihr solltet einfach mal etwas mehr im Einklang mit der Natur leben, ohne die Natur immer regeln zu wollen. Man kann nicht immer allem seinen Willen aufzwingen. Mit dem Strom zu schwimmen, ist viel einfacher, als ständig dagegen anzukämpfen. Lasst das Leben einfach geschehen, so wie wir. Wir sind nicht viel grösser als 1 Zentimeter, und doch können wir vieles tun, indem wir einfach unserem Instinkt folgen. Das ist gut für das Gleichgewicht in der Natur.

DAS WAREN WUNDERBARE UND WEISE WORTE VON DIR, MEIN LIEBER KARLCHEN. WIR DANKEN DIR SEHR FÜR DIESES GESPRÄCH. ES HAT UNS ZUM NACHDENKEN ANGEREGT. ICH WERDE DICH NUN DORT BEI DER ROSE ABSETZEN, WENN DAS FÜR DICH SO IN ORDNUNG IST.
Ich danke dir sehr, dass du mich nach draussen gebracht hast. Du hast mir gezeigt, dass nicht jeder Mensch einfach draufhaut, und ich werde gerne weitererzählen, dass es Menschen wie dich gibt. Ich fand es auch ganz schön, dass du mich angehört hast und sogar meine Worte als weise bezeichnet hast. Das hat noch niemand getan. Ich hoff e, dass es noch ganz viele solche Menschen wie dich gibt. Ich werde nun wegfliegen, aber ich hoff e, wir sehen uns bald irgendwo draussen im Garten wieder. Leb wohl.

LEB WOHL, KARLCHEN, ES WAR UNS EINE FREUDE. WIR WÜNSCHEN DIR NOCH EIN GESUNDES, GEFAHRLOSES LEBEN.

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