Naturzyt 2018 09

Natur erfahren: Tierisch gute Gespräche

Samuel Seal

Ein tierisch gutes Gespräch mit Samuel Seal

Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch wir sehen die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken, und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?

Eine spannende Idee – sähen wir das ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. NATURZYT hat sich deshalb entschlossen, neue Wege auszuprobieren und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.

Ihres Pelzes wegen, zur Ölgewinnung und weil wir sie als Nahrungskonkurrenten ansahen, wurden sie einst von uns abgeschlachtet und im 19. und 20. Jahrhundert fast ausgerottet. Heute stehen sie auf der roten Liste der bedrohten Arten und erholen sich langsam, obwohl es immer noch viele Tötungen verwandter Artgenossen gibt. Doch wer das Glück hat, einem frei lebenden Exemplar in der Wildnis sozusagen auf du und du zu begegnen und seinem Gesang zuzuhören, kann spüren, wie mystisch und wundervoll diese Wesen sind. Kein Wunder, sind sie die Begleiter der Sirenen und Meerjungfrauen – unsere Seehunde.

Bei einem Kurzurlaub im schönen Northumberland führte uns unser Weg nach Lindisfarne. Ein besonderes Fleckchen Erde, welches einmal am Tag zu einer Insel wird, nämlich immer bei Flut. Die Strasse nach Lindisfarne führt deshalb sozusagen direkt über den Meeresboden. Beim Hinweg sehen wir plötzlich in der Nähe der Strasse einen Seal sitzen. Ganz alleine neben einer verbliebenen Wassersenke. Natürlich haben wir sofort eine der Ausweichbuchten genutzt, um anzuhalten und auszusteigen. Respektvoll näherten wir uns dem wunderschönen Tier bis auf etwa 6 Meter, während es uns genau im Auge behielt, aber keinerlei Anstalten machte zu verschwinden. Es schien ganz so, als hätte es auf uns gewartet. Das musste man ganz einfach nutzen, und deshalb haben wir es um ein Interview gebeten.

Hello, my dear, ich bin Samuel Seal. Es freut mich, dass du mir Gehör schenkst.

LIEBER SAMUEL, ES IST GANZ WUNDERBAR, DASS DU BEREIT BIST, MIR EIN INTERVIEW ZU GEBEN.
Das mache ich sehr gerne. Was möchtest du denn von mir wissen?

NAJA, GRUNDSÄTZLICH MÖCHTE ICH MAL GANZ ALLGEMEIN WISSEN, ZU WAS FÜR EINER ART DU GEHÖRST UND WO IHR ÜBERALL SO LEBT.
Also, ich bin ein Seal, ein Seehund, welcher zu den Robben oder auch Hundsrobben gehört, genau wie die Kegelrobben. Wir kommen im Atlantik und Pazifik vor. Und an der Nordseeküste findet man uns häufiger; in der Ostsee sind wir eher selten anzutreffen, da diese früher durch euch Menschen sehr arg verschmutzt wurde.

DAS TUT MIR SCHRECKLICH LEID. MENSCHEN TUN LEIDER OFT DINGE, OHNE DARÜBER NACHZUDENKEN, WELCHE AUSWIRKUNGEN UNSERE TATEN HABEN KÖNNTEN. HEUTE IST DAS GOTT SEI DANK ETWAS BESSER ALS FRÜHER. SEEHUNDE UND KEGELROBBEN SEHEN SICH JA SEHR ÄHNLICH, WORAN KANN MAN EUCH DENN UNTERSCHEIDEN?
Ganz einfach. Wir Seals haben einen hübschen runden Kopf, während die Kegelrobben eher längliche Köpfe haben. Ausserdem sind wir mit 140–170 Zentimeter Länge und 100–150 Kilogramm Gewicht auch um einiges kleiner als unsere Artverwandten.

STIMMT, DU HAST EIN PERFEKTES, HÜBSCHES, RUNDES KÖPFCHEN. SEID IHR PFLANZENFRESSER, ODER WOVON ERNÄHRT IHR EUCH? UND GIBT ES ETWAS, DAS DU GANZ BESONDERS MAGST?
Oh, my God, nein, wir sind Raubtiere und fressen hauptsächlich Fische, aber auch kleinere Meerestiere wie Krebse. Mit Pflanzen spielen wir höchstens ab und zu. Ich mag Makrelen wahnsinnig gerne. Und magst du auch Fisch?

NAJA ICH MAG FISCH AUCH SEHR GERNE, ABER NOCH LIEBER ESSE ICH MUSCHELN.
Oh, Muscheln, viel zu viel Arbeit für zu wenig Inhalt … Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten.

ES WUNDERT MICH, DASS DU HIER GANZ ALLEINE LIEGST. MEISTENS SIEHT MAN EUCH IN GROSSEN GRUPPEN AUF DEN SANDBÄNKEN LIEGEN UND SONNENBADEN. HAST DU VIELLEICHT DEN ANSCHLUSS VERLOREN? IHR SEID DOCH RUDELTIERE, ODER NICHT?
Ich habe weder den Anschluss verloren, noch sind wir Rudeltiere. Eigentlich sind wir Einzelgänger, vor allem im Wasser. Ich jage gerne alleine. Ausserdem bin ich ein Topschwimmer, ich kann bis zu 200 Meter tief tauchen und fast 30 Minuten lang die Luft anhalten. An Land gibt‘s natürlich weniger Platz, deshalb sieht das vielleicht so aus, als würden wir im Rudel liegen. Aber wir achten sehr darauf, mindestens einen Meter Abstand zum Nachbarn zu halten, denn gerade zwischen uns Männchen gibt’s sonst Raufereien und Beissereien, die zu ganz bösen Verletzungen führen können. Ausserdem mag ich es, wenn die Menschen mich wahrnehmen.

ACH SO, DAS HABE ICH NICHT GEWUSST. ICH HABE JA SCHON SEALS BEOBACHTET, WIE SIE IM WASSER MITEINANDER GESPIELT HABEN. ZUMINDEST SAH DAS FÜR MICH SO AUS.
Es gibt bei uns durchaus auch solche, die sich ganz einfach gut leiden können und deshalb ab und zu auch miteinander herumtollen mögen. Das machen vor allem noch junge Tiere sehr gerne.

DARF ICH DICH FRAGEN, WIE ALT DU BIST? UND HAST DU AUCH SCHON NACHWUCHS GEHABT?
Natürlich darfst du. Ich bin 6, und ja, ich habe mich schon einmal gepaart. Meine Lady hat nach gut 11 Monaten gleich zwei gesunde kleine Heuler bekommen. Ich war mächtig stolz darauf. Weisst du, wir werden erst so mit 4 bis 5 Jahren geschlechtsreif, und es ist sehr selten, dass gleich 2 kleine Seehunde das Licht der Welt erblicken. Meistens wird nur ein kleiner Heuler geboren.


Im Gespräch mit NATURZYT
Samuel Seal ist ein Botschafter der Meere. Er liebt es, im Meer herumzutollen und danach auf einer Sandbank die Sonne zu geniessen. Er jagt mit Vorliebe Heringe, Sardinen und Dorsche, aber Makrelen mag er am allerliebsten.

SAG MAL, WIESO NENNT MAN EURE JUNGTIERE EIGENTLICH HEULER?
Das ist, weil die Mutter sie nach dem ersten Säugen nach der Geburt alleine lässt und jagen geht. Sie bleiben alleine zurück, und deshalb schreien sie nach ihrer Mama. Aber die Mama kommt immer wieder zurück zu ihren Kleinen, bis sie alt genug zum Selberjagen sind. Leider gibt es aber immer wieder Menschen, die aus lauter Mitleid unsere kleinen Heulerchen trösten möchten und sie deshalb streicheln. Das ist total schlimm, denn dann nimmt der Kleine den Geruch des Menschen an, und die Mutter verstösst ihn und füttert ihn nicht mehr. Also, falls du mal auf so einen Kleinen triffst, bitte nicht anfassen. Seine Mama kommt schon wieder zu ihm.

OH, MEIN GOTT, SIEHST DU, WIR MACHEN SOGAR AUS LAUTER GUTMEINEN MANCHMAL DAS FALSCHE.
Naja, liebevolle und achtsame Menschen sind uns trotzdem lieber als andere. Mach dir keinen Kopf deswegen. Man kann immer nur seine eigene Welt verbessern, nicht die ganze.

DANKE, DAS TRÖSTET MICH JETZT WIRKLICH. DU, SAG MAL, DAS WASSER HIER IST GANZ SCHÖN KALT. FRIERT IHR EIGENTLICH NIE?
Nein, ganz und gar nicht. Unser Fell und unsere Fettschicht schützen uns vor der Kälte. Das ist fast so wie eure Neoprenanzüge.

OH, DAS IST ABER TOLL. ICH FINDE, IHR SEID GANZ WUNDERBARE UND FANTASTISCHE WESEN. WENN MAN EUREN GESANG HÖRT, HAT MAN DAS GEFÜHL, ETWAS MA GISCHES PASSIERE. LEIDER HABEN WIR ES GESCHAFFT, DASS IHR AUF DER ROTEN LISTE DER GEFÄHRDETEN ARTEN PLATZIERT WERDEN MUSSTET. WEIL WIR EUCH ALS NAHRUNGSKONKURRENTEN ANSAHEN, HABEN WIR EUCH IM 19. JAHRHUNDERT FAST AUSGEROTTET. ABER GOTT SEI DANK HAT SICH EUER BESTAND ETWAS ERHOLEN KÖNNEN. GIBT ES NOCH IRGENDETWAS, DAS WIR FÜR EUCH TUN KÖNNTEN? ODER MÖCHTEST DU UNS NOCH ETWAS MIT AUF DEN WEG GEBEN?
Oh, my dear, schlimme Dinge passieren immer im Leben. Leider. Man hat uns für die Überfischung verantwortlich gemacht. Aber eigentlich wart ihr ganz alleine dafür verantwortlich. Ihr seid so viele, und ihr nehmt mehr, als ihr braucht. Ihr fischt mit Netzen, ohne darüber nachzudenken, dass vieles in ihnen landet und stirbt, das ihr gar nicht essen wollt. Aber es ist halt ja so viel gewinnbringender, einfacher und schneller so. Ihr verschmutzt die Meere mit Pestiziden, Insektiziden, Fungiziden, Phosphaten, Plastikmüll etc. Da wir am Ende der Nahrungskette stehen, kumulieren sich alle diese Umweltverschmutzungen bei uns. Es schwächt uns, macht uns anfälliger gegenüber Krankheiten und Viren, welche mutieren und plötzlich auch uns befallen. Bitte nehmt mehr Rücksicht auf die Umwelt. Wir nehmen grossen Schaden daran. Natürlich. Aber es betrifft am Ende schliesslich nicht nur uns. Nein. Es betrifft am Ende auch euch alle selbst. Der Mensch braucht Wasser, um zu trinken. Wenn es vergift et ist, sterbt ihr. Ihr braucht Luft zum Atmen. Ist sie vergiftet, erstickt ihr. Und ihr braucht die Erde, sie gibt euch Nahrung. Wenn sie vergift et ist, ist euer Essen vergift et, und dann verhungert ihr. Vieles sieht nicht sehr schlimm aus, aber es ist da, und es wird schlimmer. Und solange ihr nicht wirklich umdenkt, werdet ihr euch und uns in Raten töten. Bedenkt das. Wir alle sind ein Teil dieser Welt, und wenn ihr uns und unsere Meere schützt, macht ihr das nicht nur für uns, sondern auch für euch.

JA, DU HAST MEHR ALS RECHT. ICH WERDE DAS GERNE ALLEN ERZÄHLEN, DIE ES HÖREN WOLLEN, UND AUCH DENEN, DIE ES NICHT WOLLEN. ICH HOFFE FÜR UNS ALLE, DASS WIR UNS BESINNEN WERDEN. ICH WÜNSCHE DIR AUF JEDEN FALL EIN LANGES UND GESEGNETES LEBEN, MEIN LIEBER SAMUEL.
Ich danke dir, my dear, auch ich wünsche mir, dass wir alle in Frieden und Respekt glücklich nebeneinander leben können. Es hat mich sehr gefreut, mich mit dir zu unterhalten. Danke dafür.


ICH HABE ZU DANKEN, SAMUEL, DAS GESPRÄCH MIT DIR WAR ETWAS BESONDERES. ICH WERDE DICH NIE VERGESSEN.

Text, Foto, Illustration Virginia Knaus

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