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Naturzyt 2019 3

Natur erfahren: Tierisch gute Gespräche

Erna Feldermaus im Gespräch mit NATURZYT

Tierisch gutes Gespräch mit Erna Feldermaus

Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch sehen wir die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?

Eine spannende Idee – sähen wir das ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. NATURZYT hat sich deshalb entschlossen, neue Wege auszuprobieren und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.

Tierisch gute Interviews - Eine Spezies, so geheimnisvoll wie eine Vollmondnacht

Auf lautlosen Schwingen ziehen sie durch die hereinbrechende Nacht. Die einen sind fasziniert von ihren Fähigkeiten, bei den anderen schüren sie Unbehagen. Blutsaugende Vampire oder doch eher nützliche Mückenvertilger? Eine Spezies, so geheimnisvoll wie eine Vollmondnacht. Die Fledermaus.

Als wir eines frühen Morgens in die Redaktion kamen, sahen wir ein haariges, dunkelbraunes Etwas an der Wand, welches von weitem gesehen entfernt einer Tarantel oder Vogelspinne glich. Der Schreck war gross, wandelte sich aber in Erstaunen, als wir sahen, dass unser Gast eine kleine Fledermaus war. Sie musste wohl noch spätabends unbemerkt durch ein offenes Fenster hereingekommen sein. Also flugs einen Karton, eines dieser viereckigen Lineale und ein Küchentuch gepackt und schon war eine Tagesunterkunft für die Kleine gebastelt. Nur noch auf die Redaktionsterrasse stellen und die Kleine konnte gehen, wann immer sie wollte. Zum Dank dafür war sie bereit, mit uns das nächste Interview zu führen.

Hallo, mein Name ist Erna Fledermaus, und ich vertrete meine Spezies im heutigen Interview. Es gibt vieles, das ihr von uns nicht wisst. Und vieles werden wir euch auch nie verraten.

Hallo liebe Erna, vielen Dank, dass du dieses Interview mit uns machst. Wir haben einige Fragen an dich, die erste gleich vorweg: Weshalb werdet ihr uns vieles nie verraten?
Weshalb müsst ihr Menschen immer alles wissen? Es gibt einfach Dinge, die braucht ihr nicht zu wissen. Weil sie erstens nicht wissenswert für euch sind, und euch zweitens auch nicht immer alles etwas angeht.

Ja, der Mensch ist wohl doch ein sehr neugieriger Zeitgenosse. Ist es denn falsch, alles verstehen zu wollen?
Nein, falsch ist es nicht. Doch müsst ihr auch lernen, dass es gewisse Dinge im Leben gibt, die einfach so sind, wie sie sind. Ausserdem muss man ja nicht jeden Mythos entzaubern, nicht wahr?!

Also gut, da hast du wohl recht. Einiges wissen wir ja schon über euch Fledertiere. So zum Beispiel, dass ihr euren Weg im Dunkeln via Ultraschallsignale finden könnt und eure Beute auch so ortet. Ausserdem gibt es ja verschiedene Arten von Fledertieren. Welcher Gattung gehörst du denn an, liebe Erna?
Ich bin eine kleine Abendseglerin und gehöre zu den Insekten fressenden Fledertieren, welche in Siedlungsräumen jagen.

Also bist du kein Blutsauger? Kannst du uns trotzdem etwas über diese Gattung erzählen? Müssen wir Angst vor Vampir-Fledermäusen haben oder ist das eher eine Erfindung von Bram Stoker?
Nein, ich gehöre nicht zu den Blutsaugern. Vampir-Fledermäuse leben zwar vom Blut ihrer Beute, aber sie töten sie nicht. Eigentlich ritzen sie nur die Haut auf, um zu trinken. Man könnte das entfernt mit einem Blutegel oder einer Zecke vergleichen. Todesopfer gibt es nur, wenn es zu viele Fledermäuse und zu wenig Beutetiere gibt. Es sind ja auch schon Elche gestorben, weil sie Hunderte von Zecken im Pelz stecken hatten. Den schlechten Ruf haben sie wohl eher Dracula zu verdanken. Ausserdem gibt es ja nicht nur die Insekten fressenden und die Blut saugenden Fledertiere, sondern es gibt auch noch die Gattung derer, die Obst gerne mögen und auch Nektar trinken. Die tragen dazu bei, dass verschiedene Pflanzen bestäubt werden und sich so weiterverbreiten können.

Apropos Verbreitung, sprich Vermehrung: Wir wissen, dass ihr meist nur ein Junges pro Jahr oder manchmal bei einigen Arten auch Zwillinge bekommt und dass die Männchen der Fledertiere die Weibchen, höchst unromantisch, im Halbschlaf begatten. Faszinierend ist auch, dass ihr den Samen so lange aufbewahren könnt, bis der richtige Zeitpunkt da ist, das Junge auch zu bekommen. Was aber unglaublich ist, ist die pure Vorstellung, dass ihr eure Jungen kopfüber hängend bekommt. Ist das nicht enorm schwierig, und läuft ihr da nicht Gefahr, eure Kleinen zu verlieren, indem sie nach der Geburt gleich auf den Boden fallen?
Tja, die Geburt ist wohl genauso schmerzhaft und schwierig, wie wenn ihr ein Kind bekommt. Da wir aber in Verbänden in sogenannten Wochenstuben gebären, können wir uns wenn nötig auch gegenseitig unterstützen. Es ist auf jeden Fall sehr selten, dass ein Kleines runterfällt. Normalerweise klammert es sich sofort reflexartig am Bauch des Muttertieres fest.

Wir alle haben schon mal einen Kopfstand gemacht, und das wurde mit der Zeit recht unangenehm, weil uns das ganze Blut in den Kopf schoss. Ihr jedoch schlaft kopfüber. Kannst du uns erklären, weshalb das so ist, und ist es denn für euch nicht unangenehm, wenn euch das ganze Blut in denKopf schiesst? Und was, wenn ihr mitten in der Schlafphase mal müsst?
Auf diese Frage habe ich schon gewartet. Das Ganze nennt man Evolution. Wir haben uns ganz einfach so entwickelt. Es passt zu unserer Lebensart und unserem Lebensraum bzw. unseren bevorzugten Wohnorten. Unsere Unterkünfte sind so geschaffen, dass wir uns prima hinhängen können, um uns auszuruhen, und unser Organismus ist so konzipiert, dass wir damit keine Mühe haben, wenn wir kopfüber hängen. Und wenn wir mal müssen, ist das ja nicht so, als wären wir festgebunden. Dann fliegen wir kurz weg, um uns zu erleichtern. Ganz genauso, wie wenn ihr des Nachts zur Toilette geht. Also streicht eure Vorstellung, wie wir uns den Pelz schmutzig machen. Wir sind äusserst reinliche Tiere.

Bitte entschuldige, Erna, so war das nicht gemeint. Wir wollten euch nicht zu nahe treten. Gibt es noch irgendetwas, was ihr uns Menschen gerne sagen würdet, und was können wir für euch tun, um euch zu helfen?
Das weiss ich doch, ihr braucht euch nicht zu entschuldigen. Ihr könnt uns unterstützen mit Unterkünften und damit, dass ihr nicht unser Essen (Insekten) vergiftet. Hängt euch doch so einen Fledermaus-Kasten ans Haus und wir halten dafür im Gegenzug euer Heim von Ungeziefer frei. So können wir gut miteinander und nebeneinander leben.
Es gäbe vieles, das wir euch Menschen noch gerne sagen würden. Aber eines ist wirklich wichtig. Nehmt euch ein Beispiel an uns. Wir leben in grossen Verbänden und sind sehr sozial. Wir kennen keine Rangordnung. Bei uns ist jeder gleich viel wert und jeder hat seinen Platz.
Wir halten uns gegenseitig warm, weil es uns hilft, unsere eigenen Ressourcen zu schonen, und wenn wir überwintern, ist es egal, ob es eine Zwergfledermaus, eine Hufeisennase oder ein braunes Langohr ist. Wir bewohnen dann alle denselben Unterschlupf, egal, was für einer Unterkategorie unserer Rasse einer angehört. Am Ende sind wir doch alles Fledertiere. Und ihr... am Ende seid ihr doch alles Menschen, oder nicht?! Also denkt darüber mal nach.

Ja, das ist wahrlich etwas, das wir Menschen von euch lernen sollten. Vielen Dank für diesen weisen Rat. Es war uns eine Ehre und eine Freude, dieses Interview mit dir zu führen. Wir wünschen dir alles Gute für die Zukunft und hoffen, wieder einmal von dir zu hören.
Ich bin sicher, dass wir uns noch oft unterhalten werden. Auch mir war es eine Freude, euch einen kleinen Einblick in unsere Lebensweise zu geben und euch vielleicht auch etwas gelehrt zu haben.

Im Gespräch mit NATURZYT.

Im Gespräch mit NATURZYT - Erna Feldermaus

Erna Feldermaus als kurzer Gast in der NATURZYT-Redaktion und spontan bereit für unser Interview. Sie ist eine Zwergfeldermaus - eine kleine Abendseglerin und Mutter von Zwillingen. Ihre Lieblingsspeisen sind kleine Insekten - vor allem Mücken gehöhren zu ihren Favoriten.

Foto fledermausschutz.ch Illustration Sandra Huguenin

 

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