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Naturzyt 2019 3

Natur bewahren: Themen zum naturnahen Garten

Weinbergschnecken bei der Paarung

Die Weinbergschnecke im naturnahen Garten

Liebe garten- und naturbegeisterte Leserinnen und Leser, rechtzeitig zum Auftakt der Gartensaison und damit zum Auftauchen der Schnecken möchte ich in der heutigen Ausgabe etwas über die Weinbergschnecke schreiben. In der Hoffnung, dass die grösste einheimische Art aus dem ach so verpönten Schneckenreich viele neue Sympathisanten findet.

Wer sich vertieft mit der Weinbergschnecke (Helix pomatia) aus einandersetzt und sie eine Zeit lang beobachtet, stellt fest, dass sie ein ausserordentlich interessantes Tier ist. Scheinbar furchtlos kriecht sie senk rechte Wände hoch und kopfüber wieder herunter, überwindet Hindernisse, von denen wir denken, das gehe niemals. Die Schnecke lebt eine Geschwindigkeit, die unserer komplett entgegengesetzt ist. Sie strahlt Ruhe aus, wenn sie so langsam und fast mühelos sich fortbewegt. In ihrer Welt erledigt sie aber ihre Dinge zum Teil sehr schnell.
Ihr Körper ist etwa 10 Zentimeter lang und in vier Teile gegliedert. Zuerst der Kopf mit zwei Paar Fühlern, den oberen Fühlern mit je einem Auge darauf und den unteren zum Riechen, Tasten und Schmecken. Dann der Fuss, nur ein einziger, auf dem das Häuschen steht, der Eingeweidesack und der Mantel. Eine ausgewachsene Weinbergschnecke wiegt ca. 30 Gramm. Sie ist in ganz Mitteleuropa heimisch, ist wärmeliebend und lebt in lichten Wäldern, offenen Lebensräumen und Kulturanlagen (Weinbergen) mit kalkreichen Böden. Leider sind sie aus den Weinbergen wegen Pestizid- und Kunstdüngereinsatz weitgehend verschwunden. Weinbergschnecken sind in Deutschland, Österreich und in den meisten Kantonen der Schweiz geschützt.

Ein Haus aus Kalk? Gegen Feinde, Wind und Wetter

Ihr Häuschen, das grösste Schneckenhaus in Europa, hat einen Durchmesser von drei bis fünf Zentimetern und dient ihr als Schutz vor Feinden, Hitze oder Kälte. Das Schneckenhaus und der Schutzdeckel bestehen vorwiegend aus Kalk, wes wegen sie auch auf einen kalkhaltigen Lebensraum angewiesen ist. Verletzungen an ihrem Häuschen erzählen viele Geschichten über ihr Leben, über Erlebtes und auch Überlebtes. Kleinere Verletzungen des Häuschens können Schnecken von innen heraus selber reparieren. Die meisten Weinbergschnecken haben sogenannte rechts gewundene Häuschen. Nur rund eine von etwa 20 000 hat ein links gewundenes, weshalb diese Schnecke gerne Schneckenkönigin genannt wird. Leere Schneckenhäuser eignen sich wunderbar zum Basteln oder für einige wenige Wildbienenarten sogar als Brutplatz.

Weinbergschnecken sind Zwitter. Obwohl jedes Tier männliche und weibli che Keimzellen hat, müssen sie sich gegenseitig befruchten, denn die Spermien und Eizellen sind nicht gleichzeitig reif. Beim Liebesspiel stechen sich die beiden Tiere einen mit einem stimulierenden Sekret bedeckten Liebespfeil in den Fuss. Dabei tauschen die beiden Tiere die Samenpakete aus. Die Schnecke legt etwa 40 bis 60 Eier in selbst gegrabene Löcher im Boden, verschliesst diese, und nach etwa drei Wochen schlüpfen winzige Schneckchen, mit Häuschen, die bereits eine erste Windung haben. Die ersten Tage bleiben die Kleinen noch im Boden und ernähren sich von ihren Eierschalen, danach brechen sie auf Richtung Tageslicht, indem sie sich durch den Boden fressen. Dort beginnt für sie der Ernst des Lebens, denn nun müssen sie viel fressen, damit sie und ihre Häuschen wachsen.

Sieben Zentimeter in der Minute

Schnecken werden unweigerlich mit Schleim in Verbindung gebracht. Der Schleim, der uns so an den Händen klebt, ist lebenswichtig. Mit ihm hält die Schnecke ihren ganzen Körper feucht und schützt ihn so vor Austrocknung oder ihren Fuss vor Verletzungen. Deshalb muss sie viel Wasser aufnehmen. Sie kann, wenn sie von Angreifern bedroht wird, grössere Mengen Schleim produzieren und diesen als Abschreckung schaumig aufblasen.
Die Produktion des Schleims ist extrem aufwendig, das ist der Grund, weshalb Schnecken im Schneckentempo unterwegs sind. Sie legen etwa sieben Zentimeter in der Minute zurück.

Ein schlechter Ruf

Schnecken haben einen schlechten Ruf und sind vor allem bei Gartenbesitzern als Schädlinge bekannt und Ziel so mancher Giftattacke. Weinbergschnecken sind jedoch keine Gartenschädlinge, sie fressen zwar eine grosse Menge Pfanzenmaterial, jedoch meist weiche, angewelkte oder leicht vermoderte Pflanzenteile. In allzu aufgeräumten Gärten finden Weinbergschnecken kein Futter und machen sich dann gerne über junge, zarte Pflänzchen her. Lassen Sie deshalb immer ein bisschen abgeschnittenes, weiches Material liegen.
Wer Schneckenkörner ausstreut, trifft unweigerlich auch die Weinbergschnecke. Schneckenkörner, welche Metaldehyd enthalten, sind nicht nur für Schnecken, sondern auch für Kinder und Säugetiere giftig. Metaldehyd zerstört die schleimproduzierenden Zellen der Schnecken. Dagegen wehren sich die Tiere mit einer übermässigen Schleimbildung vergeblich. Sie verbrauchen so ihre gesamten Energiereserven, so dass sie sich kaum mehr fortbewegen können und auch aufhören zu fressen. Meist sterben sie am gleichen Ort, an dem sie die Körner gefressen haben.
Im Biolandbau zugelassen sind Schneckenkörner mit dem Wirkstoff Eisen(III)-phosphat.
Der Wirkstoff verursacht Zellveränderungen im Kropf und im Mitteldarm. Die Köderaufnahme bewirkt einen schnellen Fressstopp. Auch diese Schnecken sterben, aber sie ziehen sich in den Boden zurück.
Ob man Schneckenkörner im Garten ausstreut oder nicht, muss jeder für sich selber verantworten. Es gibt genügend alternative Möglichkeiten, die Invasion von Schnecken, vor allem Nacktschnecken, einzudämmen. Dazu schreibe ich bei Gelegenheit einen eigenen Bericht.

«Ich fragte eine Schnecke, warum sie so langsam wäre.
Sie antwortete, dadurch hätte sie mehr Zeit, die Welt zu sehen.»

(Wolfgang J. Reus)

Allerlei Kurioses

Abschliessen möchte ich den Artikel mit allerlei Kuriosem zu den Weinberg oder generell zu den Schnecken.
Schnecken begegnen uns nicht nur in der Natur, sondern auch in der deutschen Sprache. So kennen wir «das Schneckentempo», «jemanden zur Schnecke machen» oder « sich ins Schneckenhaus zurückziehen», was so viel bedeutet wie sich isolieren oder gern zu Hause bleiben.
Im Schwäbischen kennt man die Redewendung «E fauler Schneck, wo sei Haus ned trage mag». Damit ist eine Person gemeint, die sich weigert, Verantwortung zu übernehmen.
Oder der Ausruf aus dem Österreichischen: «Ja, Schnecken!», was so viel bedeutet wie «Pustekuchen!».
Die Gemeinde Zell im Kanton Zürich hat die Weinbergschnecke als Wappentier, und in Zürich gibt es seit 1870 eine Schneckenmannstrasse im Kreis 7.
Sogar einen Kinofilm gibt es, «Slow – Langsam ist das neue Schnell – ein SchneckenTag» von Sascha Seifert aus dem Jahre 2012. Ein wunderschöner Film, der entschleunigt und viel Sympathien weckt für die wunderbaren Geschöpfe.
Ich wünsche Ihnen einen wunder baren Frühling mit vielen spannenden Begegnungen, sei dies mit zwei, vier- oder auch nur mit Einfüsslern.

Herzlich
Claudia Ebling
www.natur-im-garten.ch


Text und Fotos Claudia Ebling, Fachfrau für naturnahen Garten- und Landschaftsbau ZHAW

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