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NATURZYT-Ausgabe Dezember 2019

Natur bewahren: Themen für nachhaltiges und naturbewusstes Leben

Bach in der Stadt

Biodiversität macht den Siedlungsraum attraktiver

Garten, Balkon und Park sind nicht nur Erholungszone. Die Grünflächen bieten auch zahlreichen Wildtieren Nahrung und Unterschlupf. Natur im Siedlungsraum ist denn auch ein Schwerpunkt des Aktionsplans Strategie Biodiversität Schweiz.

«Rägäwurm!», jauchzt die dreijährige Milla – und zeigt begeistert auf ein 20 Zentimeter langes schlängelndes Etwas. Doch das Tier neben der Gartenmauer entpuppt sich als Blindschleiche. Diese Reptilienart kommt hierzulande unter Druck. Denn wo der Rasen einen Bürstenschnitt trägt, jedes Laubblatt sofort weggerecht wird und fugenlose Betonmauern die Beete umfassen, haben Wildtiere kaum noch eine Chance. Eine Antwort auf den knapper werdenden Lebensraum heisst naturnaher Garten, wobei der Weg dazu in kleinen Schritten erfolgen kann.

Der Balkon als Grüne Brücke

Doch auch wer keinen Garten hat, kann heimische Wildpflanzen ansiedeln – auf dem Balkon. «Zwar ist die Blütenpracht von Wildpflanzen etwas kleiner und unscheinbarer als von gezüchteten Exoten, doch das macht gerade ihren Reiz aus», sagt Sabine Mari, Projektleiterin bei der Umweltorganisation Pro Natura. Zudem freuen sich Bienen, Schmetterlinge, Käfer und andere Insekten über das schmackhafte Nektarbüffet und die Nistmöglichkeiten, die Wildpflanzen zu bieten haben. «Durch eine Balkonbegrünung mit einheimischen Pflanzen schafft man Brücken und bietet den Insekten somit eine Vernetzung ihrer Lebensräume an», so Mari.

Kleinwüchsige Gehölze wählen

Zur Auswahl stehen Wildpflanzen in unterschiedlichen Höhen, sodass die Bepflanzung möglichst variantenreich gestaltet werden kann. Mittelhoch und pflegeleicht ist etwa die Gemeine Akelei, die sich praktischerweise gerne selbst versamt. Mit über einem Meter Höhe trumpfen Reseda und die Wilde Malve auf, die mit ihren leuchtenden pinkfarbenen Blüten entzückt. Doch auch das «Fussvolk» hat einiges zu bieten: Pfirsichglockenblume und Schlüsselblume setzen mit ihren blauen und gelben Blütenglöckchen farbige Akzente.

Naturwiesen statt steriler Rasen - ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

Nahrungsquelle und Unterschlupf

Da Wildpflanzen in der freien Natur keine Pflege erhalten, sind sie entsprechend anspruchslos. «Für die Pflanzen ist in Töpfen und Kisten aber nur begrenzt Platz verfügbar, weshalb sie bei Bedarf in ein grösseres Gefäss umgetopft werden müssen», erklärt Mari. Denn in stark durchwurzelten, engen Töpfen kommt es leichter zu Staunässe und Wurzelfäulnis. Während bei Geranien, Margeriten oder Petunien ständig Verblühtes abgezupft werden muss, um weitere Blüten anzuregen, darf man Wildpflanzen ruhig versamen lassen. «Die Blütenstände sind wichtige Nahrungsquellen für Vögel», so Mari. Im Herbst sollte man deshalb die vertrockneten Stängel und Blätter der Stauden ebenfalls nicht zurückschneiden. Mari: «Sie bieten Insekten einen idealen Unterschlupf für den Winter.»

Stadt Bern als Vorreiterin

Was naturbewusste Garten- und Balkonbesitzer bereits heute umsetzen, soll auch im öffentlichen Raum zum Standard werden. Die Stadt Bern etwa verabschiedete vor einem Jahr ein Biodiversitätskonzept, das im Siedlungsraum mehr Nischen für Tiere und Pflanzen schaffen will. Dies steigere auch die Lebensqualität der Bevölkerung, sagt Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie von Stadtgrün Bern: «Die Attraktivität des Wohnorts hängt auch mit der Möglichkeit zusammen, die Natur erleben und beobachten zu können.» Städte spielen beim Erhalt der Biodiversität eine wichtige Rolle, da gefährdete Arten wie Gartenrotschwanz, Mauersegler oder Bienen-Ragwurz paradoxerweise gerade hier noch Nischen finden, die in den intensiv genutzten Landwirtschaftszonen ausserhalb des Stadtgebiets fehlen. In Bern müssen bei allen Überbauungsordnungen und Planungen, an denen die Stadt beteiligt ist, mindestens 15 Prozent des Gesamtperimeters naturnah ausgestaltet sein.

Ein wild wuchernder Wegrand dient Insekten als Lebensraum.

Invasive Exoten im Visier

Weiter wurden in Bern in den letzten Jahren immer weitere Rasenflächen in Blumenwiesen umgewandelt: «Der Unterhalt ist zwar etwas aufwändiger, da man nicht einfach mit dem Rasenmäher drüberfahren kann, sondern zwei Mal pro Jahr den Balkenmäher nimmt und dann das Heu trocknen lässt, um die Blumen und Gräser absamen zu lassen», erklärt Christoph Teuscher, Leiter Unterhaltskreis Ost bei Stadtgrün Bern. Gewisse Streifen werden sogar erst im Frühling zum zweiten Mal gemäht. Teuscher: «Die für uns unansehnlichen braunen Halme sind für viele Insekten das Winterquartier.» Tabu ist in Bern die Pflanzung invasiver Neophyten, also gebietsfremder Pflanzen. Rund 1000 in der Schweiz vorkommende Tier- und Pflanzenarten sind Neobiota, aber nur jede zehnte davon verhält sich invasiv. Besonders aktiv bei der Bekämpfung von Arten wie Goldrute, Springkraut und Knöterich ist die Ostschweiz, wo vor vier Jahren mehrere Gemeinden Ausmerzungsaktionen starteten; inzwischen macht fast der ganze Kanton St. Gallen mit. Das Ausreissen geschieht von Hand, was zwar aufwändig ist, aber wirksam – und giftfrei.

Schweiz kämpft gegen Artenrückgang

Auch auf Bundesebene hat man den Stellenwert der Biodiversität erkannt. Eine 2012 vom BAFU veröffentlichte Studie weist nach, dass ein Drittel der Schweizer Arten gefährdet ist. Die Verdrängung findet meist schleichend statt, denn hierzulande werden weder Wälder abgebrannt noch Monokulturen erstellt oder Gewässer verschmutzt wie in Südamerika, Afrika und Asien. Dennoch führt ein ständig wachsender Druck auf die Lebensräume und Ökosysteme auch bei uns dazu, dass viele Populationen von Tier- und Pflanzenarten ausgedünnt werden und schon bald ganz verschwinden könnten.

Mit dem Artenrückgang schrumpft auch die genetische Vielfalt. Umgekehrt kommt die heutige Landnutzung nur ganz wenigen Tier- und Pflanzenarten entgegen. In der Folge gleichen sich die Naturräume der Schweiz zunehmend an, und die unterschiedlichen Lebensräume verlieren ihre ökologische Besonderheit.

Ein bewachsenes Bachufer städtischen Raum ist möglich und attraktiv.

Schweiz lanciert Aktionsplan Biodiversität

Bei den Pflanzen hatten viele Experten gehofft, die punktuellen Schutzanstrengungen der letzten 30 Jahre würden allmählich greifen. Doch diese Erwartung erfüllt sich nicht. Umso dringender ist es deshalb, nun mit der umfassenden Stärkung der Biodiversität vorwärts zu machen. Die Wichtigkeit dieses Anliegens hatte auch der Bundesrat erkannt, als er 2009 die Erarbeitung der Strategie Biodiversität Schweiz (SBS) lancierte. Im Frühling 2012 verabschiedete der Bundesrat die SBS mit ihren zehn Zielen (vgl. unten) und erteilte den Auftrag, einen entsprechenden Aktionsplan zu erarbeiten.

In einem partizipativen Prozess entstand 2013 ein ausführlicher Massnahmenkatalog, der als Grundlage zur Erarbeitung der Massnahmen des Aktionsplans SBS diente. Der Aktionsplan soll Ende 2014 vom Bundesrat verabschiedet werden. Sarah Pearson, Leiterin des Aktionsplans Strategie Biodiversität Schweiz beim Bundesamt für Umwelt: «Doch unabhängig davon, welche Massnahmen beschlossen werden, braucht es engagierte Menschen, die sich vor Ort ganz praktisch für die Biodiversität einsetzen.»

Fotos Stadtgrün Bern, Pieter Poldervaart ist freier Journalist schreibt unteranderem für das Bundesamt für Umwelt (BAFU).

Literatur Das Wildpflanzen-Topfbuch. Ausdauernde Arten für Balkon, Terrasse und Garte – lebendig, pflegeleicht, nachhaltig, von Reinhard Witt, Reinhard Witt Verlag 2010, 39.90 Franken

Links Pflanzenliste für Balkone und Terrassen: www.wildstauden.ch > Pflanzenliste > Balkonliste

 

Die zehn Ziele der Strategie Biodiversität Schweiz

1. Nachhaltige Nutzung der Biodiversität

2. Ökologische Infrastruktur schaffen

3. Erhaltungszustand von National Prioritären Arten verbessern

4. Genetische Vielfalt erhalten und fördern

5. Finanzielle Anreize überprüfen

6. Ökosystemleistungen erfassen

7. Wissen generieren und verteilen

8. Biodiversität im Siedlungsraum fördern

9. Internationales Engagement verstärken

10. Veränderung der Biodiversität überwachen

Mehr Informationen unter www.bafu.admin.ch/ap-biodiversitaet

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