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NATURZYT-Ausgabe Juni 2022

Wissenswertes zu Greifvögel in der Schweiz

Uhu Greifvogelstation

Die Geschichten von Uhu, Rotmilan und Co.

Immer wieder geraten Greifvögel und Eulen in brenzlige Situationen. Schwach, verletzt oder krank sind sie ihren Fressfeinden in der Natur ausgeliefert. Manchmal haben sie Glück, werden gefunden und in der Greifvogelstation aufgepäppelt.

DER HERAUSFORDERNDE MENSCH

Sie kreisen am Himmel, man hört sie beim Waldspaziergang rufen oder sieht ihren Schatten in der Dämmerung vorbeifliegen. Viele Greifvogel- und Eulenarten teilen ihren Lebensraum mit uns Menschen. Im Idealfall koexistieren Mensch und Tier ohne grössere Probleme. Die menschlichen Eingriffe in die Natur stellen jedoch ein grosses Problem für viele Tierarten dar. Dass darunter auch Greifvögel und Eulen leiden, scheint klar. Der Mensch gestaltet die Landschaft so, wie es ihm gefällt: Praktisch, effizient, zugänglich soll sie sein. So werden Strommasten zu gefährlichen Hindernissen, Vögel und Futtertiere wie Mäuse verlieren ihre Rückzugsorte und durch den Gebrauch von Pestiziden ist die Gesundheit vieler Tierarten gefährdet. Der menschliche Umgang mit der Natur in den letzten Jahren brachte den Bestand zahlreicher Vogelarten in Bedrängnis, verdrängte andere komplett und verursacht immer wieder tragische Einzelschicksale.

EIN ROTMILAN MIT ABGEBROCHENEN FEDERN

Nach den Sommerferien 2020, an einem heissen Nachmittag Ende August, klingelte das Telefon in der Greifvogelstation Berg am Irchel. Die Tierrettung des Kantons Schaffhausen meldete, sie habe einen Rotmilan aus einer misslichen Lage befreit und bringe ihn nun mit dem Auto in rund 30 Minuten vom Fundort in die Station. Gleich nach der Ankunft wurde der Vogel zum ersten Mal untersucht, der Gesundheitszustand eruiert, wurden das Gewicht und die Flügellänge gemessen, das weitere Vorgehen bestimmt und alles sauber protokolliert. Dabei wurde festgestellt, dass das Weibchen Verletzungen am rechten Flügel aufwies. Es war stark verwundet und zahlreiche Federn am Flügel fehlten. Diese Verletzungen machten es flugunfähig.

Nach einigen Tagen Ruhe und medizinischer Versorgung waren die Verantwortlichen bereits sehr zufrieden mit der Abheilung der Wunde. Das Problem mit den fehlenden Federn war jedoch noch nicht gelöst. Was kann man tun, wenn die Federn eines Vogels so stark beschädigt sind, dass der Vogel nicht damit fliegen kann? Das Team der Greifvogelstation zieht bei solchen Patienten jeweils zwei Möglichkeiten in Betracht. Man kann warten, bis die Federn natürlich nachwachsen. Das kann aber länger dauern, denn die sogenannte Mauser findet nur einmal jährlich statt. Oder man wendet «Schiften» an, eine Methode bei der die alten, kaputten Federn abgeschnitten und dann mit intakten Federn repariert werden Diese Technik wird in der Falknerei seit Jahrhunderten angewendet. Früher tauchte man Eisenstäbe in Salzwasser und nutzte den entstehenden Rost als Bindemittel. Heute wird mit Kohlefaserstäbchen und starkem, aber flexiblem Klebstoff gearbeitet.
Am 31. August konnte das Team der Station die Federn des Milans schliesslich schiften. Und rund 20 Tage später flog die regenerierte Greifvogeldame wieder auf und davon in die Freiheit.

Vor seiner Freilassung testet der Rotmilan seine Flugfähigkeiten noch in der grossen Flugvoliere in Berg am Irchel. So stärkt er zudem seine Muskeln.
Das Schiften der Federn bedarf einiges an Fingerspitzengefühl und Übung.

DER UHU MIT DEM TRAUMA

Ein paar Monate später, an einem frostigen und schneereichen Januarmorgen, brachte die Tierrettung wieder einen Patienten in die Greifvogelstation Berg am Irchel. Diesmal handelte es sich um einen eher seltenen Gast: einen Uhu. Die rund 2300 Gramm schwere Eule wurde traumatisiert und flugunfähig aufgefunden.
Nach der Erstuntersuchung schien klar: Die Eule hatte mit einem Schädel-Hirn-Trauma zu kämpfen, welches aller Wahrscheinlichkeit nach Folge einer Kollision war. Sie konnte anfangs nicht mehr gerade auf ihren eigenen Krallen und Beinen stehen. Das Greifvogelstations-Team sorgte dafür, dass sie absolute Ruhe bekam, sich allmählich von ihrem Trauma erholen konnte und so langsam – wortwörtlich – wieder auf die Beine kam. Rund 35 Tage später konnte der Uhu wieder in die Freiheit entlassen werden – gesund, vital und wohlauf.

Für seine Freilassung wurde der Uhu in den nahe gelegenen Irchel gebracht, wo er im Fels freigelassen wurde.

DER HUNGERNDE TURMFALKE

Ein paar Tage vor dem Uhu wurde von der Tierrettung ein männlicher Turmfalke mit einem Trauma in die Greifvogelstation gebracht. Traumata treten sehr häufig auf, da es in der Natur nicht vorgesehen ist, dass ein Vogelkörper mit zum Teil hoher Geschwindigkeit in ein Hindernis prallt. Deswegen fangen Vögel sich häufig Schädel-Hirn- Verletzungen ein. Das besagte Tier wurde flugunfähig und apathisch eingeliefert.

Auch dieser Patient wurde gründlich untersucht und unser Team stellte erleichtert fest, dass der Turmfalke keine Brüche, Prellungen oder Ähnliches erlitten hatte. In diesem Falle hiess das für den Vogel, dass er ein paar Tage in eine Pflegebox kam, wo er allein und abgedunkelt die nötige Ruhe für seine Genesung erhielt. Oftmals ist Ruhe das Allheilmittel. Die zu behandelnden Tiere müssen sich während dieser Zeit nicht um Futter oder Schlafplätze kümmern oder sich vor Feinden in Sicherheit bringen. Die ganze Energie kann somit in die Genesung fliessen. Dies gelingt oft innerhalb drei bis vier Wochen – und dann steht der Freilassung nichts mehr im Weg.

Der Turmfalke verbrachte erst einige Zeit im Kasten, bevor er in eine Box und schliesslich in eine Flugkammer kam. So durchlief er alle Stadien bis zur Freilassung.

BERINGUNG

Sämtliche Greifvögel und Eulen, welche in die Greifvogelstation eingeliefert werden, werden beringt. Eine Nummer auf einen am Fuss befestigten Ring wird das individuelle Tier so ein Leben lang identifizierbar machen. Die Beringung wird in eine nationale und internationale Statistik eingetragen. So erhalten Vogelschützerinnen und Ornithologen weltweit Zugang zu den Daten.

Text Nicole Bosshard
Fotos PanEco, Adobestock

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Greifvogel Boden

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